Die Grätsche: Romantisiertes Werk des Teufels

Bei der Grätsche handelt es sich ursprünglich um eine “sportliche Übung, bei der beide Beine gleichmäßig seitwärts gespreizt (gegrätscht) werden.” (Meyers Lexikon). Es ist also für den vom dörflichen Fußball sozialisierten Menschen wie mich überraschenderweise eine eher ästhetische Übung aus dem Turnsport. Im Fußball besitzt sie gleichwohl eine Bedeutung, die eher zum harten Klang des Wortes passt: Sie ist verbunden mit Schmerz, Leid, Eroberung, Kampf und Triumph.

Neben einem Tor wird im Stadion kaum etwas so bejubelt, wie die perfekte Grätsche eines eigenen Verteidigers, welche die beiden wichtigen Ingredienzien enthält, die von Belang sind: Der Ball wird erobert und dem Gegner auf (möglichst) legalem Weg fürchterlich wehgetan. Doch ganz ehrlich: Sollten wir das wirklich bejubeln? Stellt die Grätsche, sei sie auch noch so brilliant durchgeführt, nicht eher das Gegenteil dessen dar, was wir Freunde der Stehgeiger am Fußball schätzen?

Ich habe zwei große Einwände gegen die Grätsche, die ich hier vorbringen will. Einen pragmatischen, einen idealistischen.

Fangen wir mit dem Pragmatischen an:

Wer grätschen muss, hat vorher alles falsch gemacht!

Die Grätsche wird von Fans, Spielern und vor allem Trainern vollkommen fehlinterpretiert. Sie ist keineswegs eine außergewöhnliche Leistung, sie ist vielmehr ein rüdes Instrument, um vorheriges Fehlverhalten zu kaschieren.

Man hat schlichtweg eine Situation falsch eingeschätzt, gerät in Not und muss daher zu diesem letzten Mittel greifen, um nicht wie ein Vollidiot dazustehen. Jeder, der schon einmal auf einem Hartplatz grätschen musste, weil sich der Gegner im Rücken davon geschlichen hatte, weiß insgeheim, dass ich Recht habe, egal, von wie vielen Kollegen man für diese vermeintliche Heldentat einen Schulterklopfer erhielt.

Vertreidiger, die ohne Grätsche auskommen, sind die wahren Helden. Mit einem guten Stellungsspiel, adäquater Antizipationsfähigkeit und einem Mindestmaß an Schnelligkeit hat ein Abwehrspieler alle Instrumente an der Hand (oder am Fuß), die es braucht, um den Ball einfacher und sicherer zu erobern ohne auf dem Boden herumrutschen zu müssen wie ein Schwein im Dreck.

 

Denn vergessen wir nicht: geht die Grätsche schief, liegt man am Boden und der Gegner hat einen meterweiten Vorsprung, was nicht selten zum Gegentor führt. Sie ist also hochgradig gefährlich und sollte deshalb vermieden werden, wo es nur geht.

Die Grätsche kann also mehr Schaden anrichten als sie im Erfolgsfall Nutzen bringt. Insofern sollten Trainer vor allem eines tun: ihren Kickern die Dinge beibringen, die nötig sind, um die Grätsche zu vermeiden und diese nicht länger als vermeintliches Symbol für Kampfkraft glorifizieren.

Kommen wir zum idealistischen Einwand:

Wer grätscht, tötet den Geist Maradonas!

Wie können wir einerseits alle den Verlust an Fußballkultur beklagen, uns darüber beschweren, dass es an technisch begabten Kickern fehlt, die den Ball öfter als 3 Mal hochhalten können, wenn wir gleichzeitig bejubeln, dass eben diese Techniker von den Bernd Hollerbachs und Fernando Meiras dieser Welt aus dem Stadion getreten werden?

Die Grätsche ist brachial, nicht umsonst oft zur Blutgrätsche “hochsterilisiert” (B. Labbadia) und steht in völligem Gegensatz zur Ballkunst, die den Sport eigentlich interessant macht. Stellt Euch die WM 1986 vor: Maradona startet zu seinem legendären Sololauf, wird aber an der Mittellinie stumpf umgenietet.

Der ergebnisorientierte Fußballbeobachter wird sagen: Wichtiges, taktisches Foul. Ich würde sagen: Drecksack. Insofern war dieses Tor des verrückten Argentiniers nicht einfach nur ein Tor, sondern auch ein Triumph des Ballfreundes gegenüber den stumpfen Geistes-Uli-Borowkas dieses Planeten.

Nicht alleine die zunehmende Athletik hat den modernen Fußball “anders”, also kampfbetonter, weniger elegant und überhaupt unattraktiver gemacht, es ist auch die zunehmende Grätsche, die es bewirkte. Vinnie Jones kann noch so sehr damit kokettieren, er und seine Gesinnungsgenossen haben den Fußball zerstört.

Daher, Herr Blatter, Sie sind doch immer empfänglich für noch so absurde Ideen: Grätsche verbieten. Sofort.

Über den Autor: Goldschuhe aus

Agent provocateur erster Güte. Ansonsten Misanthrop und Eintracht Frankfurt-Fan. Frisur: vorhanden.