Das Dekolleté von Beckmann

Beckmann & Band - CMS Source

58 Jahre alt ist Reinhold Beckmann vor kurzem geworden, da muss man dem Mann eine kleine „midlife crisis“ zugestehen. Man hätte es jedenfalls schon früher ahnen können, der Typ ist ein Rocker, Stichwort: rote Jeansjacke. Und in dieser Funktion tritt er jetzt als Musiker an die Öffentlichkeit. „Bei allem sowieso vielleicht“ heißt sein Debütalbum, zwölf Songs voller Pennälerwitze eines Ü-50-Jährigen, der nach jedem Dekolleté schielt.

Ich bin einiges gewohnt, mein „Hauptberuf“ bringt es mit sich, unter anderem bespreche ich für Tonspion regelmäßig neue Platten. Und man kann mir glauben, nicht jedes Album ist so gut, wie das Gesamtwerk dieser Herren oder dieser Herren hier. Schrecklicheres als „Bei allem sowieso vielleicht“ war aber selten darunter. Die Welt, in der sich Beckmann bewegt wird durch Songs wie „Dosenbier“ und dem inflationären Gebrauch des Jugendwortes 1973 „Scheiße“ abgesteckt. Beckmann wäre so gerne der Schimanski des Rock, er ist es aber nicht. Es hilft auch nicht, die Brille abzunehmen. Es wirkt schlicht peinlich, wenn ein 58-jähriger jemand Zeilen wie diese:

„Weißt du noch die eine Nacht
Da war’n wir so betrunken
Du hast meinen Käfer vollgekotzt
Und deine Hand auf meinem Knie
Ich konnte kaum noch lenken
Die Polizei hat reingeglotzt
In deinen Ausschnitt reingeglotzt.“

oder diese singt:

„Für die ersten Abenteuer meiner kleinen Welt
Hab‘ ich mich ganz geduldig angestellt
Selbst noch ein Würstchen, war ich schon dabei
damals bei Charlotte in der Metzgerei
Was ist ein Schinken neben deinem Dekolleté
Wenn ich dich tief gebeugt im Aufschnitt wühlen seh‘.“

Zeilen, die Beckmann mit seltsam gequetscher Stimme zu gepflegtem Bar-Jazz nicht-singt. Wenigstens wird es in „Plauderton“ ein wenig selbstironisch, Zeilen wie …

Ich bin von deinem
dahin plätschernden Plauderton
ganz stumpf gequatscht.

könnte Beckmann auch auf sich selbst gemünzt haben. Machen wir uns nichts vor, dieses Album ist ein furchtbares Ärgernis, das nur deshalb zustande gekommen ist, weil an den entscheidenden Stellen im Entstehungsprozess Ja-Sager saßen und falsche Freunde, die Beckmann zugeraten haben, es doch auch mal als Sänger zu versuchen. Selten jedenfalls hat ein Album so vehemeht gegen die Genfer Konvention verstoßen, wie „Bei allem sowieso vielleicht“. Das ganze Elend kann man weiter unten wirken lassen, wir hören so lange Die Sterne in Endlosschleife….

Nachtrag: Auf Amazon wird das Album indes in den allerhöchsten Tönen gelobt, allerdings mit einem nicht gerade subtilen Beigeschmack, wie Stefan Niggemeier herausgefunden hat.

Mit Dank an den Kollegen Kai Butterweck (Indirekter Freistoß), der mich unwissentlich auf dieses Kleinode der Unterhaltung gestoßen hat.

Fotocredit: Universal Music

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

6 comments

  1. Guru von der Kreuzeiche

    Und gestern hast du mir beim Sieg der großen TuRU noch erzählt, dass du Fan bist, es abee wegen deiner Street Cred nicht schreiben kannst. „Anyway“ (BWL-Absolventen): jetzt ist es raus.

  2. Guru von der Kreuzeiche

    Und einen Titel Gangster zu nennen, ist ja mal groß. Beckmann auf Rapperspuren: fame, bitches ans money

  3. Don

    Pflichtkauf!

    Ich hab unter „B“ eh noch etwas Platz.

    Was ist jetzt mit TuRU gegen ETB, Ihr Pfeifen?

  4. Rehunger

    Und auch hier nochmal:
    „Ich halt‘ das nicht mehr aus, ich will das nicht mehr sehen“.
    Günther Koch, 1999

  5. Pingback: Lautern, Sammer, Thurn und Taxis - 5 Freunde im Abseits