Fußball: Schön oder erfolgreich?

Fußball: Schön oder erfolgreich?

Wenn ich schön sein will, gehe ich zum Frisör. Wenn ich beim Fußball gewinnen will, ist es mir scheißegal, wie ich aussehe.
(F. J. Wagner)

Sprechen wir über Grundsätzliches: Kann Fußball nur erfolgreich sein, wenn er auf das schöne Spiel verzichtet? Ist es bei einem Titelgewinn wirklich unerheblich, wie er zustande gekommen ist? Ob durch Glück, durch Dominanz oder überragend schönes Spiel? Was ist überhaupt schöner Fußball und wie definiert sich Erfolg in unser aller Lieblings-„Ergebnissport“? Kann Fußball schön und erfolgreich sein oder nur eines von beidem? In den bisher gesehenen Spielen der WM 2014 lassen sich ein paar Antworten darauf finden.

Was ist schöner Fußball?

Schöner Fußball ist für mich stets fest mit offensivem Spiel verbunden. Mannschaften, die offensiv agieren, spielen fast immer schönen Fußball. Schön im Sinne von ästhetisch, Tore werden nicht „erzwungen“, sondern „herausgespielt“ stehen im besten Fall am Ende einer berauschenden Kombination über „mehrere Stationen“. Schön ist aber auch das Spektakel, oder um Thomas Brdaric unvollständig wiederzugeben: Lieber 4:4 als 1:0! Schön kann aber auch ein bestimmtes Spielsystem sein, zum Beispiel das rasante Pressing der Chilenen, die bis zu ihrem Ausscheiden für einige der schönsten und perfektesten Kombinationen dieses Turniers verantwortlich waren.

Was ist Erfolg im Fußball?

Fußball sei „Ergebnissport“, die einzig wichtige Statistik also das Ergebnis, am Ende zählen nur Titel. Das „Wie“ ist dabei nicht entscheidend, allein das Ziel ist wichtig, zu seiner Erreichung sind alle Mittel recht, zum Beispiel einen „rechten Käse zusammen zu spielen“, trotzdem zu gewinnen und Kritik mit dem Hinweis auf das Ergebnis weit von sich weisen. „Taktische Fouls“ und „cleveres“ Abheben im Strafraum in der Nachspielzeit sind Mittel, deren Anwendung nicht etwa als anrüchig gilt, sondern als erfolgsorientiert. Fairness? Kann man doch nicht verlangen, wenn man einen Titel gewinnen möchte!

Schön, aber nicht erfolgreich!

Beispiele für schönes Spiel, das nicht zum im oben definierten Sinne zum Erfolg führt, gibt es in der Fußballgeschichte viele. Frankfurts „Fußball 2000“ endete in einer denkbar unglücklichen Vizemeisterschaft. Bayer Leverkusens grandiose Saison 2002 blieb ungekrönt; Bernd Schneider, unbestritten einer der am schönsten spielenden Nationalspieler, die dieses Land je hatte, hat seine Laufbahn ohne jeden Titel abgeschlossen.

Nicht schön, aber erfolgreich!

Das Primat des „Nur Titel zählen“ hat sich längst weltweit durchgesetzt. Was hat man sich früher auf die Auftritte einer brasilianischen Nationalmannschaft gefreut. Hier konnte man Sachen sehen, die im ästhetischen Sinne keine andere Mannschaft vollbringen konnte. Der brasilianische Fußball früherer Tage war sich selbst oft genug. Aber spätestens mit dem glanzlosen WM-Titel 1994 war klar: Brasilien hat das „o jogo bonito“ verraten, nur um sich noch mehr Sterne aufs Trikot drucken zu dürfen. Die Niederlande, in den 70er Jahren zweimal mit wunderschönem Fußball gescheitert, präsentierten sich in ihrem letzten WM-Finale 2010 als bösartige Tretertruppe und vier Jahre später als auf Konter lauernde Pragmatiker, die in der Abwehr mit einer Fünferkette spielen und am liebsten lange Bälle auf ihre Stürmer schlagen. „Foetbal total“? Sieht für mich anders aus.

So steht jetzt im Achtelfinale der WM abgesehen von der Überraschungsmannschaft aus Costa Rica kein Team, das man sofort mit schönem Spiel verbinden würde. Nein, man wurschtelt sich so durch, spielt geduldig, lauert auf seine Chance. Fouls in der gegnerischen Hälfte werden als taktisches Mittel eingesetzt. Nationale Unterschiede, unterschiedliche philosophische Ansätze im Bezug auf das eigenen Spiel wurden durch die für fast alle inzwischen gleiche Ausbildung in den europäischen Fußballclubs ausgemendelt. So ist die WM 2014 ein Sieg der Technokratisierung und Verwissenschaftlichung des Fußballs. Die Mannschaften leisten sich maximal einen Spieler, der innerhalb des engen taktischen Korsetts so etwas wie Freiheiten genießt: Neymar, Messi, Robben, Benzema, mit Abstrichen Müller.

Das Team, das bei dieser WM am 13.07. in Rio de Janeiro den Titel holt, wird nicht im Gedächtnis bleiben, weil es berauschenden Fußball gespielt hat, sondern weil es erfolgreich Fußball gespielt hat. Und Erfolg bemisst sich in einer durchkapitalisierten Gesellschaft nur in gold glänzendem Tand, mit dem man angeben kann. Der „Geist der Utopie“, den Netzers Pässe einst atmeten, bleibt – wohl für immer – Utopie. „Schön spielt, wer gewinnt!“

Eingangszitat: „Post von Wagner“ vom 01.07.2014

Foto: flickr.com/MCAD Library unter CC BY 2.0

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

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