Die WM der Maßlosigkeit

Die WM der Masslosigkeit

4:0 hat die deutsche Nationalmannschaft gegen die Auswahl Portugals gewonnen. Würden wir der Logik der bisherigen Berichterstattung folgen, müssten wir jetzt zum gefühlten 100. Mal die Tore des Spiels zeigen, untermalt von einer sich überschlagenden Stimme, die immer wieder einen Namen brüllt: Müller, Müller, Müller. Anschließend würden wir wahlweise ein Selfie von Podolski mit Angela Merkel oder ein Selfie der Nationalmannschaft mit derselben posten. Tun wir aber nicht! Der Blick in die Social Networks und auf die News-Seiten im Netz offenbarte auch so, dass bei dieser WM jedes Maß verloren wurde. Ein Lamento. 

Mit Mutti im Entmüdungsbecken

Das nötige Maß ist nicht nur verloren gegangen, weil sich die Kanzlerin mal wieder in der Kabine der Nationalmannschaft anbiederte (Das bringt ihr offensichtlich mehr Sympathiepunkte, als irgendeine Meinung zu vertreten), es ist vielmehr der Zeitpunkt. Direkt nach dem ersten Vorrundenspiel feiert Merkel nach einem, wie berichtet wurde, langen Flug, der sich ja doch gelohnt habe, in der Kabine mit dem Team von Jogi Löw. Man fragt sich, ob sie sich im Falle des Falles direkt mit ins Entmüdungsbecken stürzen würde?

Vorurteile sind die schönsten Teilchen

Das richtige Maß hat auch Steffen Simon bei seiner Begleitung des Spiels Iran gegen Nigeria vermissen lassen. Wie ein beleidigtes Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug – nämlich das Spiel der deutschen Mannschaft – weggenommen hat, beklagte er sich über das Niveau der Partie, bediente sich in seinen Einschätzungen bei stumpfem Alltagsrassismus, nur um sich dafür wortreich und alles andere als überzeugend zu entschuldigen. Dabei kam es ihm zu keinem Zeitpunkt des Spiels in den Sinn, dass zumindest die Spieler Nigerias während des Spiels an andere Dinge gedacht haben könnte. Denn im Gegensatz zu den Kindern Steffen Simons sind in Nigeria derzeit nicht nur Kinder mit einer ganz anderen Art der Bedrohung konfrontiert als „Pyro-Randale„. Ganz abgesehen davon, dass es eben ein Wesenszug des Fußballs ist manchmal schrecklich zu langweilen. Wer gesehen hat, wie glücklich und zufrieden die Iranis mit ihrem Punkt waren, der kann abschätzen, dass es bei einer WM nicht immer nur um den Titel geht.

Das rechte Maß vermisst man allerdings auch in der Begleitung durch die Blogosphäre. Während das Spiel Nigeria gegen Iran noch lief, wurden schon die ersten Artikel abgesetzt (die kurz danach wieder editiert werden mussten…), schnitten andere die Einlassungen von Simon genüsslich mit, um sie sogleich wieder zu teilen. Die Folge: Während der Übertragung ruderte Simon mit einer reichlich dämlichen Entschuldigung zurück, die alles schlimmer machte. Zeit zur wirklichen Reflexion des eigenen Handelns bleibt nicht mehr, das Internet fordert ganz schnell jeden Kopf, der ihm nicht passt. Bela Rethy kann ein Lied davon singen, ihn zu dissen ist inzwischen Volkssport auf Twitter, diesem schnellen Brüter der One-Liner. Und ist ungefähr so lustig, wie sich über die Deutsche Bahn aufzuregen.

… und wie du wieder aussiehst

Maßlosigkeit lässt sich aber auch in der offiziellen Presse ausmachen. Aus Gesten wird ein Skandal montiert, selbst wenn von Anfang an die Bilder zeigen, dass es keinen Skandal gibt. Wer aussieht wie Meirelles, der zeigt dem Schiedsrichter auch den Mittelfinger, so die Logik, die sich nicht bei der Bild, sondern eben bei SPON finden lässt. Vorurteile sind immer noch die schönsten Teilchen…

Die WM als Staatsaffäre

Trotz 80 Prozent Marktanteil (die anderen 20 Prozent dürften das Spiel beim Public Viewing gesehen haben) sendet das ZDF auch 24 Stunden nach dem Sieg des deutschen Teams die Szenen, die man direkt im Anschluss an das Spiel bereits in Dauerschleife gesehen hat. Statt über den zweiten Auftritt der Gastgeber zu berichten, eines der intensivsten Spiele dieses Turniers, lässt man lieber KMH mit den Füßen im Pool des Campo Bahia planschen – diesem in den Dschungel gehauenen Beweis deutscher Ignoranz und Überheblichkeit -und Nichtigkeiten von sich geben, welcher Spieler von welcher Spielerfrau Besuch bekommen hat und warum die Kamera dabei besser ausbleibt. Löblich, aber natürlich steht es außer Frage, dass ihr Berufsstand diese Bilder trotzdem nicht schuldig bleibt.

Der WM-Titel ist längst zur Staatsaffäre geworden, für den doch bitte jeder seinen Anteil zu leisten hat. Also Fahnen rausgehängt und dem unverkrampften Patriotismus gefrönt, sonst wird Mutti böse. Kein Maß kennt die Begeisterung der Deutschen für ihr Fähnchen, alles muss Schwarz-Rot-Gold sein, am besten am Auto, in dem man nach einem Sieg in der Vorrunde zum Autokorso aufbricht. „Machen die Türken doch auch“, denen man hinter vorgehaltener Hand genau das wiederum vorwirft.

Es! Ist! Einfach! Nicht! Mehr! Auszuhalten! Und deshalb müssen der Fußball und ich uns mal dringend unterhalten, zwecks Überprüfung unseres Verhältnisses. Seine bucklige Verwandtschaft ist jedenfalls nicht länger zu ertragen.

Foto: flickr.com/lilli2de (CC BY-SA 2.0)

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

14 comments

  1. Don

    Wen bitte interessiert die Berichterstattung? Die Spiele sind es, die mich interessieren und da ist die WM auf einem fast durchgängig ordentlichen bis gehobenem Niveau. Selbst bei Iran-Nigeria hatten wir ob der Zeitreise in die ’80iger unseren Spaß!

    Brasilien-Mexiko ist bislang das beste Spiel für mich, auch wenn die Berichterstattung irgendwas von enttäuschenden Brasilianern faselt.

    Scheiß auf den medialen Humbug drumherum. Ausblenden und genießen heißt das Thema. Und wenn das, wie bei Steffen Simon, nicht geht, dann gilt nur eins: Der Simon war eh schon immer dumm.

    Ich freu mich hingegen auf heute: Schön beim Holländer die Holländer gucken. Es könnte schlechter gehen!

  2. Esleben

    Ich müsste vier Wochen lang blind durch die Gegend laufen, um alles an Berichterstattung und sonstigem Schmock zu ignorieren.

  3. Goldschuhe aus

    Du hast sowas von Recht in allem. Ich „musste“ ja das Deutschland-Spiel schauen und den WM-Boykott dafür unterbrechen. Die Spacken machen echt nach dem ersten Spiel Autokorso mit Deutschlandbeflaggung? Hoffentlich geht’s bald gegen Italien.

  4. Guru von der Kreuzeiche

    Super-Artikel! Aber das Spiel lass ich mir trotzdem nicht kaputtmachen. Gestern Abend war es wieder einfach geil! Ich bin auf jeden voll im Fußball-Flow. Interessanterweise hat mich das Spanien- oder das Mexiko-Spiel emotional viel mehr berührt als Deutschland. Diese ganze andere Scheiße blende ich aus. Aber btw, bin ich der einzige, der von D auch keinen Tempofußball gesehen hat, sondern eher ganz effizienten, kontrollierten Fußball? Fast italienisch?

  5. Guru von der Kreuzeiche

    Bei den Deutschland-Spielen geht es doch gar nicht mehr ums Spiel, sondern nur noch um Saufen und Feiern. Und eine Niederlage wird deshalb so übel genommen, weil man dann nicht mehr so befreit auftrinken kann. Spackos.

  6. Don

    Maßlosigkeit am Glas kennt Ihr doch nur vom Hörensagen. Hier rumlabern und beim 10-Liter-Schein kneifen. Ich kenn‘ Euch doch.

  7. Rehunger

    Bin mal wieder der Ansicht, dass der Don recht hat bezüglich medialem Humbug usw. Für mich gilt der vor der Glotze alte Grundsatz: Mit dem Anpfiff an, mit dem Abpfiff aus, allenfalls ein paar Wiederholungen sind nach dem Spiel noch drin. Im Zweifel, also meistens, lieber ohne Ton als mit den „Spackos“ (Guru) im Ohr.

    Nur bezüglich Helene F. werden ich Dir wohl nie zustimmen können, ganz sicher.

  8. Buxe

    Den medialen Hype machen wir doch hier auch munter mit. Und „Maßlosigkeit“ war schon immer ein Charakteristikum einer WM (ist ja auch ein maßloses Turnier). Diskriminierung, Rassismus und Exotisierung gehörten von jeher dazu. Neu (und irritierend für mich) ist die Tatsache, dass ein Spiel in den sozialen Netzwerken live begleitet und „mitgestaltet“ wird. Während van Persie früher ein sensationelles Flugkopfalltor erzielt hätte, wird er heute durch Montage zum Superman. Menschen werden aufgefordert, unter einem Hashtag zu müllern. Das finde ich befremdlich, letztlich ist es wohl aber eher ein Zeichen meines Älterwerdens. Ich mag es, ein Spiel nachzubetrachten und wirken zu lassen und nicht gleich zum nächsten Event zu hetzen. Und das Drumherum finde ich – ehrlich gesagt – dieses Jahr gar nicht so auffallend schlimm…

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