Die Selbstdemontage einer Familie

Der VfL Bochum versucht gerne, sich als Gegenentwurf zu den Fußballkonzernen aus Dortmund und Gelsenkirchen zu positionieren. Der familiäre Verein zum Anfassen möchte man sein – doch was soll man bloß von einer solchen Familie halten.

Die Demonstration der Bochumer Fans gegen ihre Vereinsführung am vergangenen Sonntag war richtig und überfällig. Aus der selbigen Vereinsführung hat sie nur mal wieder niemand verstanden.

Die merkwürdige Ausbootung des langjährigen Kapitäns Zdebel führte deswegen zu einer Eskalation im inzwischen völlig zerrütteten Verhältnis zwischen Fans und Clubverantwortlichen, weil es das dritte Mal ist, dass den Fans eine Identifikationsfigur durch Koller und Altegoer genommen wird. Und jeder weiß: Drei mal ist Bochumer Recht.

Am Anfang dieser Geschichte steht ein gewisser Rein van Duijnhoven, seines Zeichens überragender Torwart bis Mai 2006. Auf Grund seiner extrem sympathischen und volksnahen Art war er damals der absolute Publikumsliebling an der Castroper Straße.
Wegen seines Alters und seiner zunehmenden Verletzungsanfälligkeit kam Koller zu dem Schluss, einen anderen Torwart einzusetzen – eine Meinung, für die es durchaus Argumente gab.

Allerdings hat der Verein es versäumt, van Duijnhoven in den VfL einzubinden.Ein Verein wie Bochum hat nicht viele Helden. Wenn man dann welche hat, muss man sie halten. Torwarttrainer, Jugendtrainer, Angestellter im Marketing-Bereich – Jobs für verdiente Ex-Kicker gibt es viele, wenn man denn will. Wie man in einer solchen Situation handelt, wenn man denn eine Familie sein möchte, beweist seit Jahrzehnten ausgerechnet der größte Konzern der Liga.

Doch noch viel schlimmer als dieser Fall war Kollers Umgang mit der Personalie Wosz. Hier hatte man den Eindruck, dass Koller seinerzeit bewusst den Machtkampf mit Fans und Spieler schürte und ihn deshalb öffentlich demontierte. Nur so ist zu erklären, dass der „Bochumer Junge“ schlechthin in der Saison 2006/2007 nicht nur so gut wie nie eingesetzt wurde, obwohl die Leistung der anderen Kicker durchaus fragwürdig war. Aber Koller ging noch weiter, denn der selbstgefällige Schweizer Trainer verweigerte im bedeutungslosen letzten Heimspiel gegen den VfB Stuttgart den Fans wie auch Wosz den obligatorischen letzten Auftritt – und das obwohl die ganze Fantribüne ihn minutenlang forderte.

Bereits hier wurde das Tischtuch zwischen Verein uns Fans zerschnitten, nur, dass es damals noch keinem so richtig bewusst war. Denn dieses Verhalten hatte das Gegenteil von Größe, es war schlichtweg peinlich. Eine solche Eitelkeit und ein solches Verweigern von Anerkennung für jeden außer Koller will nun gar nicht in das Bild der heilen „Familie VfL“ passen.

Aus irgendeinem Grund hat sich der mächtige Mann des VfL, Altegoer, geweigert, all dies wahrzunehmen oder noch schlimmer, es war ihm egal. Denn diese Nibelungentreue zu Koller ist schon sehr merkwürdig, so viel Porzellan wie der Mann zerschlägt. Kein Wunder, dass der sehr gute Manager Kuntz – wenn man den Spekulationen von Daniel Theweleit in der Berliner Zeitung folgen mag – auch daran scheiterte, dass er Koller mittelfristig ersetzen wollte. Koller gewann den Machtkampf durch das Eingreifen seines Ziehvaters Altegoer.

Und nun also Thomas Zdebel, der als letztes Glied der Kette unter mysteriösen Umständen erst degradiert und dann abgegeben wird. Der Mann war immerhin Kapitän und hat sich bei aller fußballerischen Beschränkung in den letzten über 5 Jahren stets vorbildlich für den Verein reingehauen. Man könnte meinen, Koller duldet keine Helden neben sich, wie auch Altegoer niemandem neben sich Macht zusprechen kann. Vielleicht eint diese Weltsicht die beiden so sehr.

Die Tragweite des Fan-Protestes ist den Verantwortlichen des VfL noch immer nicht bewusst. Stattdessen provozieren diese die Fans nur weiter, in dem sie ihnen regelmäßig Ahnungslosigkeit vorwerfen. Thomas Ernst, von vielen Bochumern nur als „die Marionette“ bezeichnet , bemerkte auch nach dem Spiel am Sonntag wieder mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz: „Die Protestaktion der Fans muss ich nicht nachvollziehen können: Sie verstehen uns nicht, da muss ich sie auch nicht verstehen.“ Das nennt man wohl professionelle Außendarstellung.

Er glaubt, mit sportlichem Erfolg könne man die Bochumer Fans wieder zurückholen. Doch da irrt er meiner Meinung nach gewaltig. Wenn es bei Testspielen und im Training zu „Koller-Raus“-Rufen kommt, genauso wie vor (!) dem ersten Rückrundenspiel, dann merkt man, dass hier etwas viel tiefer sitzt. Ein Misstrauen und eine Aversion gegenüber einer Vereinsführung, die dabei ist, alles wofür der VfL mal stehen wollte, kaputtzuschlagen.

Es macht den Eindruck als wäre das Ohnmachtsgefühl der Fans endgültig einem Willen gewichen, längst überfällige Veränderungen durchzusetzen. Gut möglich, dass es in Bochum analog zum HSV bei der nächsten Mitgliederversammlung „Putschversuche“ geben wird. Und man ist geneigt, den Fans dabei mehr Erfolg zu wünschen. Dieses unwürdige Gehabe des Trainers und der Vereinsführung hat ein Verein wie der VfL, der bei aller sportlichen Chancenlosigkeit stets zumindest einen gewissen Stolz hatte, nicht verdient.

Koller, Ernst, Altegoer – erst wenn diese drei Personen den Verein verlassen haben, wird es in Bochum eine Chance geben, wieder Identifikation der Fans mit ihrem Verein herzustellen. Vermutlich sollten die Bochumer Fans das den Dreien auch mal bei den nächsten Wahlen der Vereinsgremien mitteilen.

Foto: © foto-planet.com / PIXELIO
www.pixelio.de