Eine abschließende Betrachtung vor dem Trainerwechsel: Fairness für Friedhelm Funkel oder die Alliteration des Tages

Mit dem Spiel der Frankfurter Eintracht gegen Arminia Bielefeld vor nunmehr neun Tagen ist eine Entscheidung im deutschen Profifußball gefallen. Wir erleben die definitiv letzte Saison von Friedhelm Funkel als Trainer der Eintracht. Die Frage ist nur, wann es vorbei ist.

Die Erfolge und die Bedeutung, die Friedhelm Funkel für Eintracht Frankfurt in den letzten Jahren hatte, sind unbestreitbar und kommen in der regional-öffentlichen Berichterstattung und auch in den tumben Äußerungen vieler Fans oftmals zu kurz. Ich persönlich halte es für eine bodenlose Unverschämtheit, einem Mann, der sich seit Jahren mit vollem Einsatz dem Verein verschreibt, mit einem banalen wie peinlich-ausgelutschten „Funkel raus“ zu begegnen.

Selbst wenn man wie ich der Meinung ist, es sei Zeit für einen neuen Trainer, gebietet es der Respekt, sich anders zu verhalten. Schließlich ist Funkel niemand, der ein halbes Jahr zum Abkassieren da war ohne etwas zu leisten. Ganz im Gegenteil. Hier erwarte ich von Fans und insbesondere auch dem notorisch-nörgelnden Aufsichtsrat mehr Anstand, denn wenn Funkel gehen muss, sollte er dies nicht beschädigt auf Grund seiner hessischen Station tun, sondern gestärkt. Das hat er sich verdient.

Oft wird von Heribert Bruchhagen als Glücksfall für den Verein gesprochen, den der Manager am Abgrund übernahm, um ihn – und diese Relativierung muss derzeit wohl sein – zumindest für einige Jahre in der Bundesliga zu etablieren. Diese Bewertung ist richtig. Doch genauso sehr wie der Manager war auch der Trainer ein Glücksfall. Ohne falsche Ambitionen oder Eitelkeiten, mit Realitätssinn und Akribie bei der Arbeit führte Funkel die Eintracht mit einer Mannschaft in die Bundesliga, mit der andere Trainer in die Regionalliga abgestiegen wären. Nicht vergessen, damals gehörten Spieler wie Beierle, van Lent, Cha, Wiedener oder Husterer zum Stammpersonal! Bundesliga klingt anders.

In den folgenden Jahren war eine kontinuierlich positive Fußball-Entwicklung in der besten Stadt der Welt zu spüren. Funkel verbesserte langsam aber beständig sowohl das fußballerische Niveau der Mannschaft wie auch die tabellarischen Resultate. Bis zu Beginn der letzten Saison, damals begann der Abschied. Lange hat es kaum jemand gemerkt, da die Ergebnisse merkwürdigerweise stimmten, aber der Fußball, der in Frankfurt seit Beginn der Saison 2007/2008 gespielt wird, ist leider immer grauenhafter geworden.
Die Diagnose von Bruchhagen und Funkel, die unisono behaupten, lediglich die gestiegene Erwartungshaltung der Fans führe zu diesem Eindruck ist schlichtweg falsch. Ich habe es oft genug selbst gesehen. Rumpeln gesehen. Ohne jede Erwartungshaltung. Fakt ist, wir spielen Scheißfußball und das schon lange. Diese Erkenntnis ist für jemanden, der mit Bein, Okocha, Gaudino und Yeboah fußballerisch sozialisiert wurde, besonders deprimierend.

Ein bisschen scheint es inzwischen so, als würde Funkel die Mannschaft so gut kennen, dass er vor lauter differenzierter Fehlerdiagnose ihre Stärken vergisst und nur noch die Schwächen wahrnimmt. So ist auch das immer defensiver werdende Spiel zu erklären, das entgegen des Klischees über den Trainer Funkel eine relativ neue Entwicklung darstellt.

Zu Zweitligazeiten spielte man regelmäßig mit drei Stürmern, nach dem Aufstieg wurde man allenthalben für seinen erfrischenden, aber naiven Offensivfußball gelobt. Dieser ist inzwischen einer Igeltaktik gewichen, die dicht am Rande der Peinlichkeit, manchmal darüber hinaus anzusiedeln ist. Gegen Hoffenheim – und bei aller Medienhysterie: Die sind nichts als ein passabler Aufsteiger – mit sechs Spielern der erweiterten Kategorie „Verteidiger“ aufzulaufen ist schon merkwürdig, gelinde gesagt. So gibt man keiner Mannschaft das Gefühl, sie könne mithalten.

Und genau hier liegt der Fehler des Trainers und deshalb muss er gehen, auch wenn es mir leid tut. Die Mannschaft ist in den letzten Jahren kontinuierlich so klein geredet worden, dass kein Spieler mehr wirklich glaubt, er könne mehr als gegen den Abstieg spielen. Saisonübergreifend hat die Eintracht aus den letzten 14 Ligaspielen exakt einen Sieg geholt – im unbedeutenden Spiel gegen den schon sicheren Absteiger Duisburg. Das ist kein Zufall, sondern ein chronischer Mangel an Siegeswillen und vor allem dem Glauben daran, die jeweils andere Mannschaft schlagen zu können. Ein 3-3 in den letzten Minuten gegen die zugegebenermaßen grob fahrlässigen Bayern, wie es die Bochumer am Wochenende erzielten? Undenkbar, denn man hätte sich in Frankfurt leicht in die Niederlage gefügt, es waren ja schließlich die Bayern.

Aber Funkel ist bei seiner eigenen Entlassung nicht nur Täter, sondern auch Opfer.
Denn für die Transferpolitik kann er nur begrenzt etwas, da Hölzenbein hier die zentrale wie mächtige Person im Verein zu sein scheint. Caio, Fenin – zwei Problemfälle, bei denen ich nicht daran glaube, dass Funkel sie wirklich haben wollte. Zwei Problemfälle, die ob der hohen Transfersummen tatsächlich hohe Erwartungen weckten, ohne sie auch nur annähernd erfüllen zu können. Fenins Karriere scheint an seinem überragenden Debut und charakterlicher Fehler – Stichworte: Fallsucht und chronisches Lamentieren – zu scheitern. Bei Caio bin ich überzeugt, dass die sehr geduldige und langsame Heranführung, die Funkel praktiziert, die einzige Chance ist, das große Kleinkind zu einem bundesligatauglichen Fußballer zu machen. Aber von dieser Entwicklung wird Funkel nicht mehr profitieren können.

Denn Funkel ist bald weg. Und das ist richtig so.  Denn gerade, weil die Transferpolitik nicht aufging und klar ist, dass das Potential der Mannschaft weiterhin bestenfalls für Platz zwölf reicht, braucht es neue Impulse, um eben diesen zu erreichen. Wenn man fünf Jahre mit einem durchschnittlichen Kader arbeitet und dabei meist an das Maximum heranreicht, ist irgendwann der Ansatz verbraucht. Zumal das permanente Gerede vom Mittelmaß und Gegner auf Augenhöhe wie es Funkel aber vor allem auch der Chef Bruchhagen praktiziert, die Selbstwahrnehmung der Mannschaft zementiert hat.  Die Qualität des Kaders stagniert und die Siegermentalität strebt gegen null. Es geht so nicht weiter. Wir brauchen einen neuen Trainer, der in der Lage ist, erneut das Mittelmaß als Ziel zu erreichen ohne es so zu formulieren. Sonst steigen wir in dieser Saison ab und reißen damit alles ein, was man in den letzten Jahren aufgebaut hat.

Friedhelm Funkel hat mit diesem Aufbau so viel für die Eintracht geleistet, wie wohl kaum ein anderer Trainer vor ihm. Bitte mal darüber nachdenken, wenn man das nächste mal „Funkel raus“ brüllt oder bei seiner Entlassung jubelt, wenn es so weit ist.  Ich werde jedenfalls nicht mit Freude reagieren, sondern mit Wehmut und Anerkennung für seine Leistung. Ich wünschte manchmal, mein Verein und sein viel zitiertes Umfeld hätten etwas mehr Größe.

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