Messer

Gewaltdiskussion, die leidige

Wer bisher dachte, die (halb)öffentliche Diskussion über das gigantomanische Gewaltproblem, das den Fußball in Deutschland derzeit heimsucht, hätte ihren Tiefpunkt schon erreicht, sah sich dieser Tage eines besseren belehrt. Die Hysterie in den Medien hat ihren Zenit noch lange nicht überschritten und es überschlagen sich zurzeit mal wieder die Horrormeldungen.

Den Anfang machte die DFL selbst, indem sie das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ veröffentlichte. Darin schlägt sie Maßnahmen zur Befriedung der Kriegsschauplätze in den Bundesligastadien vor. Diese gingen vielen Fan- und Vereinsvertretern zuweit, da sie nicht selten weitreichende Grundrechtseingriffe mit sich bringen würden.

Fußballfans aus Dortmund stellten diesem Positionspapier die Initiative „Ich fühl‘ mich sicher“ entgegen (zu deren Unterzeichnung ich hiermit aufrufe). Wer unserem TV-Tipp von gestern folgt, wird Zeuge des Niedergangs eines Fußballs, der seine Fans ausschließt und und sogar Stadionverbote für Meinungsäußerungen verhängt. Passend zum Stimmungsbild wurde inzwischen eine neue, dazu passende, zweifelhafte, Polizeistatistik veröffentlich, die Gewalt bei und um Fußballspiele exorbitant wachsen sieht. Da helfen wohl auch die mahnenden Worte des Ex-DFB-Sicherheitschefs Helmut Spahn nicht. Dieser warnt deutlich vor weiteren Repressionen gegen Fans und vor allem vor einer weiteren Einmischung der Politik.

Weiter ging es schließlich in München. Vor dem Spiel des scheiß FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt mussten einzelne Fans Kontrollen über sich ergehen lassen, die teilweise einen deutlichen Eingriff in die Privatsphäre darstellten. Relativ schnell machte die Meldung die Runde, dass bei 30 bis 40 Eintracht-Fans ca. 20 Messer und weitere Waffen gefunden wurden. Die Meldung wurde unkritisch von zahlreichen Medien übernommen und als neuer Katalysator für die Gewaltdiskussion im Fußball verwendet. Der Autor von Blog-G wollte das nicht einfach so stehen lassen und recherchierte weiter. Und siehe da, auf Nachfrage äußerte sich die Münchener Polizei folgendermaßen. Die kolportierten 20 Messer wurden bei ALLEN Kontrollen im Zusammenhang mit dem Spiel Bayern – Eintracht sichergestellt und auch insgesamt bewegten sich die „Vorfälle“ während des Spiels im Normbereich. Diese Meldung fand natürlich keine weitere Verbreitung.

Die Krönung des ganzen fands sich nun am Samstag in der, eigentlich ja rennomierten, Süddeutschen Zeitung. Diese druckte ein Interview mit Christian Seifert, dem DFL-Chef. Leider gibt es das Interview online nur in Auszügen zu lesen. Jedenfalls ist es aller Ehren wert, wie Seifert sich versucht gegen die Suggestivfragen der „Journalisten“ der SZ zu wehren. Nacheinander weg werden sechs Fragen gestellt, die ungefähr folgenden Tenor haben: „Aber es ist ja Fakt, dass es bisher nur mit viel Glück keinen Toten gab“, oder „Trotzdem, müssen Sie nicht zugeben, dass die Vereine ihrer gesamtgesellschaftlichen Aufgaben nicht mehr gerecht werden?“ Zwei Dinge werden dabei deutlich. Erstens sind die Sportjournalisten der SZ scheinbar bereit sich willfährig vor den Karren spannen zu lassen, wenn es darum geht, dem Fußball in Deutschland ein Gewaltproblem zu attestieren dem nur noch mit Repression begegnet werden kann. Und zweitens zeigen die Antworten Seiferts, dass die DFL offenbar eine Getriebene der Politik ist. Aber solange Fachkräfte wie Lorenz Caffier etwas zu sagen haben ist wohl auch nicht damit zu rechnen, dass sich daran etwas ändert. Trainer Baades Recherche zeigt deutlich, wie schlimm es um den Fußball steht. Keiner traut sich mehr ins Stadion.

Es ist wirklich bitter. Personen, die überhaupt keine Ahnung haben profilieren sich in einer Scheindebatte, die in erster Linie auf dem Rücken der Fans ausgetragen wird. Wenn sich diese Leute durchsetzen, macht es bald gar keinen Spaß mehr ins Stadion zu gehen. Man kann nur hoffen, dass „italienische Verhältnisse“ eine Drohung bleiben, die niemals einsetzt. Vielleicht setzen sich doch irgendwann Vernünftige Leute mit Ahnung von der Materie durch. Vielleicht erkennt die Politik irgendwann, dass es sinnvoller ist antirassistische Fanprojekte mit ausreichend Geldauszustatten, anstatt die Pfeffersprayvorräte aufzustocken.

Über den Autor: schneider3

Mildernde Umstände aufgrund familiärer Vorschädigung durch zwei dominante Brüder. Normalerweise erlebt das Weißbier bei ihm das Mittagsläuten nicht. Kaiserslautern-Fan. Weiß der Teufel, warum.

26 comments

  1. Guru von der Kreuzeiche

    Du hast völlig recht. Man hat bald wirklich keine Lust mehr, ins Stadion zu gehen. Noch schlimmer ist es aber, sich dieses dumpfe Geseier in der deutschen Medienlandschaft durchzulesen. Da bekommt man so einen Hass. Auf jedem besseren Dorffest gibt es mehr Verletzte als im Stadion. Und wenn es dann mal soweit ist, dass wir italienische Verhältnisse haben, dann sind wieder alle total fassunglos: Wie konnte es denn soweit kommen, hier muss die Politik einschreiten. Mir kommt echt das Kotzen.

  2. Esleben

    Sehr schön ließ sich gestern Abend übrigens der Zustand der Berichterstattung ablesen. Während auf ZDF Kultur der gestern zurecht angepriesene Beitrag über den italienischen Fußball lief, zeigte Sat. 1 eine Focus TV Reportage mit dem Titel „Risikospiel! Großeinsatz gegen Randale im Fußballstadion“. Darin wurde auch mal wieder der schöne Zusammenhang zwischen „Bengalo“ und „Randale“ konstruiert.
    Müßig zu fragen, welche Sendung wohl mehr Zuschauer hatte und damit die öffentliche Wahrnehmung prägt. Mehr zu dieser Form des Qualitätsfernsehens des FC Bayern Edelfans Markwort:
    http://www.focus.de/focustv/focustv-reportage/19-november-2012-um-ca-23-00-uhr-in-sat-1-focus-tv-reportage-risikospiel-grosseinsatz-gegen-randale-im-fussballstadion_aid_863834.html

  3. Prinz Sieb

    Da traut man sich kaum noch, vor Empörung mal mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, weil bald wohl auch darauf Stadionverbote verhängt werden. Ganz im Ernst: Ich habe beim Fußball noch nie…ich wiederhole…noch nie Angst haben müssen – außer vielleicht vor der Spielqualität der eigenen Mannschaft, drohenden Niederlagen, Gegentoren, Abstiegen etc. Und ich gehe auch dort hin, wo man mit einem vollen Gebiss und ohne Vorstrafen eher zu einer Randgruppe zählt.

    Keine Frage: Gewalt im Stadion gibt es, davor sollte man auch nicht die Augen verschließen. Mindestens 95 Prozent dieser Gewalt findet aber nach meiner Erfahrung in gegenseitigem Einvernehmen zwischen Gewaltanwender und Gewaltkassierer statt – die jeweiligen Rollen können hier übrigens sehr schnell wechseln. Die restlichen fünf Prozent Gewaltaufkommen sind zwar nicht schön, aber tatsächlich i.d.R. harmloser als jedes Reutlinger Dorffest. Wenn ich die Wahl hätte, 90 Minuten in einem Fanblock eines deutschen Fußballvereins oder alternativ 90 Minuten Samstagsnachts auf der Bolkerstraße (Düsseldorfer Altstadt) zu verbringen, würde ich für meine eigene Sicherheit immer das Stadion vorziehen.

    Echt schade und absolut unnötig, dass dieses Thema offenbar medial/politisch so sexy ist, dass jeder seine Ejakulat dazu verspritzen muss. Dies war jedenfalls meins.

  4. schneider3

    Hahaha! Das ist ja völlig lächerlich. Stark finde ich auch, das Ingolstadt anscheinend 3 „gewaltsuchende“ Fans hat. Stell mir gerade vor, wie die drei Jungs sich immer zusammentun, um den Gegner aufzumischen…

    Ich finde es wirklich bitter, wie wenig die deutsche Medienlandschaft bereit ist, sich mal eingehender mit der Thematik auseinanderzusetzen. Meistens werden einfach nur die Pressemeldungen rausgehauen und als Fakten dargestellt. Bisher habe ich es nur in der 11Freunde und vereinzelt in der FAZ bemerkt, dass da mal ein wenig recherchiert oder nachgedacht wurde.

  5. Carlito

    …mir fällt dazu nur noch „Wag the Dog“ ein…

    Die Medien und Offiziellen schaffen sich einfach „ihre“ Realität. Und die tumben Konsumenten von Blöd und Co. glauben es natürlich bedingungslos und ohne auch nur ein wenig zu hinterfragen.

  6. Esleben

    Diese lächerliche Tabelle bezieht sich auf die letzte Saison, für dieses Jahr können ja noch keine Zahlen vorliegen. Und letztes Jahr war Rostock doch noch zweitklassig. Die Stimmungsmache, die dahinter steckt, macht das allerdings nicht weniger unerträglich.

  7. Pohli

    Gut zusammengefasster Beitrag.

    Diese mediale und politische Hass auf Fußballfans ist völlig absurd. Wo kommt das her? Was war der Auslöser?
    Und wenn ich den Caffier, Innenminister meines Heimat-Bundeslandes, sehe, vergeht mir aber wirklich alles. Welch Spezies. Die arme Familie.

    Lasst uns hoffen, dass es in naher Zukunft nur um unseren Sport geht. Zweifel habe ich jedoch. Große.

  8. Esleben

    Unfassbar neue Erkenntnis, welche die Bild da ausgegraben hat. Drogen, beim Fußball, skandalös! Gut, dass es keinen Alkohol im Stadion gibt, der aus Sitzplatzschweinen pöbelnde Assis macht…

  9. schneider3

    Das Interview auf SPON ist ungefähr auf dem Niveau des Interviews, das die SZ mit dem Seifert geführt hat. Der musste sich auch mit Händen und Füßen gegen selten dämliche Suggestivfragen wehren…

  10. Guru von der Kreuzeiche

    Wie wäre es mit der Aberkennung aller Bürgerrechte für „Dauer-Randalierer“? Wahrscheinlich würde sich dafür in diesem Land sogar eine Mehrheit finden.
    Dieter Wendt hat mal einen kritischen Liebesbrief verdient. Ich glaube, der kann nix dafür, er ist einfach nur krankhaft geltungssüchtig.

  11. Don

    Zur BLÖD-Tabelle: „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“

    Über die 3 gewaltsuchenden Ingolstadt-Fans musste ich auch schmunzeln. Sind wohl von der Audi-Frühschicht.

  12. Kölsche Ziege

    Guter Beitrag. Natürlich gibt es in jedem Fußballstadion eine ganze Menge Idioten und ein paar davon sind auch gewaltbereit. Aber wenn man ein paar Zehntausend Menschen zusammenpackt, ist das vermutlich immer so.
    Gruß
    Die Kölsche Ziege

  13. Ping: Eine neue Dimension der Gewalt - 5 Freunde im Abseits