Von feinem Fußball und unerklärlichen Aussetzern

Quelle: www.weltfussball.deViel besserer Fußball geht in der Regionalliga nicht. Beim 3:3 des SSV Reutlingen in Kassel war fast alles dabei, was das Fußballerherz begehrt: Aggressivität, Laufstärke, Kurzpassspiel, Flügelspiel, Doppelpässe, Torchancen; leider wurde diese Gala der Mannschaft um Trainer Peter Starzmann nicht mit einem eigentlich hoch verdienten Sieg belohnt. Warum? Weil unentschuldbare Aussetzer und Naivität im Defensivverhalten genau so zu dieser Mannschaft zu gehören scheinen wie die momentane Spielstärke.

Ein unbeteiligter Zuschauer hätte nach der vom SSV hervorragenden 1. Halbzeit bestimmt die Kräfteverhältnisse in der Liga völlig falsch eingeschätzt. Die Reutlinger präsentierten sich wie eine Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel gegen völlig desolate Kasseler, die man nach dieser Halbzeit wohl als klaren Abstiegskandidaten eingeschätzt hätte. Die recht ordentliche Stadionwurst war zu Beginn der ersten 45 Minuten kaum mit einem kräftigen Schluck Pilsbiergetränk heruntergespült, schon prüfte Haas Torwart Adler – der übrigens sowohl durch gute Paraden als auch durch unerträgliches Verhalten dem Schiedsrichter gegenüber sowie widerlichem Zeitspiel auffiel- mit einem tollen Schuss aus halbrechter Position.

In dieser Art und Weise ging es weiter: Besonders die linke Seite mit den restlos überzeugenden Sasa Janic und Steffen Kocholl sorgten ein ums andere Mal für dynamische Flankenläufe mit gefährlichen Flanken. Leider vergeigten die Stürmer Christian “Chrissi” Haas und Sven “Schippe” Schipplock (unter anderem gejagt von Hoffenheim, Stuttgart, Karlsruhe und Schalke 04) hochkarätige Chancen, so dass der SSV mit einem tollen Spiel im Rücken, jedoch leider mit einem ergebnistechnisch nicht zufriedenstellenden 0:0 in die Pause gehen musste. Ein 0:3 hätte den Spielverlauf wahrlich besser dargestellt. So machten sich unter den mitgereisten 50-70 Reutlingern schon teilweise böse Vorahnungen breit, die sich leider sofort nach Beginn der 2. Halbzeit bestätigten.

KarteDenn nur 18 Sekunden nach Anpfiff sorgte Torjäger Bauer mit einem schönen platzierten und für Torhüter Hoffmeister unhaltbaren Kopfball für die Führung der Kasseler und stellte damit den bisherigen Spielverlauf völlig auf den Kopf. Nicht nur Trainer Peter Starzmann fühlte sich, wie er später auf der Pressekonferenz zugab, im falschen Film. Kurze Zeit später flog der Kasseler Suslik mit einer gelb-roten Karte vom Platz und allein diese Tatsache ließ den gemeinen SSV-Fan erzittern, sind doch die Ergebnisse der letzten Spiele in Überzahl bekannt. Doch der SSV ließ sich vom Gegentor nicht beeindrucken und drängte weiter auf das eigene Erfolgserlebnis. Nach einem klaren Handspiel eines Kasseler Spielers im Strafraum gab der gute Schiedsrichter Kempter zu Recht Strafstoß. Eine Chance, die sich Chrissi Haas nicht entgehen ließ.

Doch viel Zeit blieb den Zuschauern nicht, um sich an das neue Ergebnis zu gewöhnen. Einen Freistoß nach einem völlig unnötigen Foul an der rechten Strafraumgrenze verwandelte Kassel direkt zur erneuten Führung. Hoffmeister sah hier zumindest etwas unglücklich aus. Danach eine Duplizität der Ereignisse: Wieder Elfmeter für die Schwaben, diesmal ausgelöst durch ein Foul an Schipplock. Haas trat noch einmal an und schob erneut sicher ein. Respekt vor dieser Nervenstärke! Kurze Zeit später lagen sich die Reutlinger Fans erneut in den Armen: Der SSV erhöhte durch Schipplock zum 3:2, dem ein Gewurschtel im Strafraum voranging. Das musste es nun aber sein: Zwei Mal nach einem Rückstand zurückgekommen und dann auch noch mit einem Mann mehr. Das Ding schien gegessen. Doch alle, die so dachten, hatten die Rechnung ohne die bei den Gegentoren desolate Reutlinger Abwehr gemacht. Irgendwie schafften es drei Kasseler Spieler gegen fünf verteidigende Reutlinger den Ball zum Ausgleich im Tor unterzubringen. Völlig schleierhaft, wie so etwas passieren kann. Blöder kann man sich kaum anstellen.

Doch wenn man sich um eines keine Sorgen machen muss, dann ist dies die Moral der Reutlinger Truppe. Bis zum viel zu frühen Ende (Angeblich pfiff Kempter pünktlich ab, weil er seinen Zug erwischen musste! Mindestens 5 Minuten Nachspielzeit wären nach diversen Verzögerungen geboten gewesen.) war seitens des SSV der Wille zum Sieg zu verspüren. Doch auch die beste Offensive kann sich auf Dauer nicht durchsetzen, wenn die Defensive mit mehreren Aussetzern einen verdienten Sieg unmöglich macht. Da besteht auf jeden Fall Rede- und vor allem Trainingsbedarf. Und obwohl meiner Meinung Torhüter Hoffmeister an mindestens zwei von drei Toren nichts machen kann, so wirkte doch der junge Markus Krauss auf dieser Position viel sicherer, präsenter und überzeugender. Die Frage nach der Reutlinger Nummer 1 sollte also nach der Winterpause endgültig zugunsten von Talent Markus Krauss entschieden werden.

Was bleibt hängen? Alles in allem eine mittlerweile erstaunlich spielstarke Reutlinger Elf, der es zwar an Moral und Talent nicht mangelt, wohl aber an Konzentration in der Abwehr und einer besseren Chancenauswertung. Trotzdem ist diese Mannschaft durchaus fähig, die Qualifikation zur dritten Liga zu meistern. Trotz vieler unnötiger Punktverluste beträgt der Abstand zu Platz 10 nur einen Punkt, so dass eine Rückrunden-Punktausbeute von ungefähr 6-7 Punkten mehr in dieser ausgeglichenen Regionalliga Süd zur Qualifikation reichen dürfte. Das Potential ist da, macht was draus, Jungs!

Abgesehen vom Spiel und dem schönen Gefühl, die Mannschaft mal wieder gesehen zu haben bleiben für mich von der Auswärtsfahrt nach Kassel:

  • neue Groundhopperpunkte
  • die Überraschung, dass Kassel eine Straßenbahn hat
  • die Erkenntnis, dass eine Taxifahrt von der Haltestelle Kirchweg bis zum Stadion 6,90 kostet (VIP-Style, Alter!)
  • die Ahnung, dass die Kasseler Taxifahrer nicht zu den größten Fans des KSV gehören (”Ist da heute Fußball oder was?”)
  • das Wissen, dass Kassel über einen außerhalb der Documenta völlig überdimensioniert wirkenden ICE-Bahnhof verfügt
  • und die angenehme Erfahrung, dass man die Kasseler Ordner und Polizisten für ihre Freundlichkeit und Zurückhaltung loben kann.

Hier gibt es einen sehr kurzen Spielbericht des Hessischen Fernsehens und hier die Pressekonferenz, in der Peter Starzmann das Spielgeschehen noch einmal auf den Punkt bringt.

Und der Vollständigkeit halber die Tabelle der Regionalliga Süd vor der langen, langen Winterpause (Quelle: www.ssv-news.de, ich hoffe, das geht in Ordnung. ).

Tabelle Sp. s u n Tore Diff. Pkt.
1   SV Sandhausen ↗       19 11 4 4   25 : 13 12   37
2   VfB Stuttgart II ↗       19 11 4 4   24 : 13 11   37
3   VfR Aalen ↗       19 9 6 4   38 : 22 16   33
4   SSV Jahn Regensburg ↗       19 9 4 6   24 : 23 1   31
5   FSV Frankfurt ↗       19 8 6 5   31 : 21 10   30
6   FC Ingolstadt 04 ↗       19 8 6 5   26 : 23 3   30
7   SV Wacker Burghausen ↗       19 6 9 4   21 : 20 1   27
8   FC Bayern München II ↗       19 6 7 6   23 : 19 4   25
9   SV Elversberg ↗       19 7 4 8   22 : 28 -6   25
10   SpVgg Unterhaching ↗       19 6 6 7   27 : 23 4   24
11   KSV Hessen Kassel ↗       19 6 6 7   31 : 29 2   24
12   Sportfreunde Siegen ↗       19 4 11 4   21 : 22 -1   23
13   SSV Reutlingen ↗       19 4 11 4   27 : 29 -2   23
14   TSV 1860 München II ↗       19 7 2 10   21 : 26 -5   23
15   SC Pfullendorf ↗       19 4 7 8   20 : 24 -4   19
16   Stuttgarter Kickers ↗       19 4 7 8   15 : 22 -7   19
17   Karlsruher SC II ↗       19 3 9 7   15 : 25 -10   18
18   FSV Oggersheim ↗       19 1 5 13   9 : 38 -29   8