Exegese (I)

Kicker-SonderheftIch scheine langsam mein Interesse an Fußball zu verlieren. Gestern erschien das Kicker-Sonderheft und erst heute habe ich es wie einen Pokal vom Kiosk meines Vertrauens nach Hause getragen. So etwas wäre mir in den letzten Jahren nicht passiert. Doch beim Anblick des roten Covers, das diesmal von 36 Extraseiten kündet und zudem auf die wunderbare DVD der letzten Jahre verzichtet, steigt das Fieber in mir und die Lektüre kann beginnen.

Zunächst einmal hat der Kicker in seiner fränkischen Gemütlichkeit auch dieses Jahr nicht viel verändert. Der Aufbau des Sonderhefts folgt dem Schema F, Innovationen sucht man im ersten Heftdrittel vergebens. Da ist das obligatorische Bayern+x-Interview zu Beginn, das absolut zu vernachlässigende Editorial von Rainer Holzschuh und die standardmäßigen Mannschaftsvorstellungen. Streng nach dem Einlauf der letzten Saison geordnet. Soweit, so Standard. Kleine Schönheitskorrekturen hier und da, ansonsten scheint man in Nürnberg darauf zu vertrauen, dass das Produkt wertig genug ist, um den Thron zu behaupten.

Denn: die gravierendste Änderung ist ein Desaster. Die forsch auf dem Titel als Visitenkarten der Topstars angekündigten 36 Extraseiten sind geradezu furchterregend redundant. Jeder Spieler eines Kaders wird mit einem Briefmarken großen Foto abgelichtet, dessen Qualität mit fragwürdig noch milde charakterisiert ist. Dazu gibts ein bisschen Statistik der Marke: Wie oft wurde welcher Spieler in der letzten Saison eingesetzt, seine größten Erfolge, etc. Langweilig, überflüssig, weg damit.

Die Kicker-Stecktabelle hat wieder ein neues pastelliges Kleidchen verpasst bekommen und wurde optisch etwas aufgepeppt. Aber aufhängen will man sich die schon lange nicht mehr. Da kann die noch so super sein, die Superstecktabelle. (Sensationelles Wortungetüm, übrigens). Nicht weiter schlimm, Business as usual. Deswegen hat man das liebevoll “Bibel” genannte Heftchen auch noch nie gekauft. Da zählen schon eher solche Dinge, wie die Möglichkeit alle früheren Vereine von Christian Wörns zu erfahren (Phönix Mannheim, Waldhof Mannheim, Bayer Leverkusen, Paris St. Germain). Und die bekommt man nach wie vor in schlichter Form geboten.

Ärgerlich wirds dagegen weiter hinten. Der Kollege Thomas Roth möchte nämlich bitte sofort entlassen werden, schließlich ist ihm zum Artikel über die erste Schiedsrichterin auf dem Feld eines Bundesligaspiels keine andere Überschrift eingefallen als “Eine Frau steht ihren Mann”. Gehts noch dümmer? Wunderbar auch die Kollegen, die die Liste der deutschen Spieler im Ausland zusammengestellt haben. Zu den vielen Deutsch-Türken in der ersten türkischen Liga, unter anderem Mustafa Dogan, der meines Wissens schon einmal das Trikot mit dem Adler trug, muss unbedingt angemerkt werden, dass “diese Spieler nur die deutsche Staatsbürgerschaft (haben)”. Miroslav Klose hat dann auch nur die deutsche Staatsbürgerschaft oder was will uns die Kicker-Redaktion damit sagen. Sind zwar auf dem Papier Deutsche die Jungs, aber doch höchstens zweiter Klasse. Stumpfer gehts kaum noch. So verspielt man leichtfertig Kredit und vergrätzt Leser, die neben dem Kicker nicht ausschließlich die “große Zeitung aus Hamburg” (K.H. Rummenige im Interview auf Seite 14 des Sonderhefts) zur Meinungsfindung konsultieren.

Und sonst? Positiv gefallen die relativ wenigen Einklinker bei den Mannschaftsfotos, Bayer Leverkusen trägt den absurden Werbeslogan “Science for a better Life” auf der Brust und kann damit Kik und Mister+Lady knapp auf die Plätze im Rennen um den schlechtesten Trikotsponsor verweisen.

Ob dieses Gesamtpaket aber auf Dauer der Konkurrenz standhält? Ich mache den Praxistest, morgen folgt die Exegese des 11 Freunde Sonderhefts, der kleine Streber unter den Fußballblättern, dessen pausbäckiger Chefredakteur inzwischen ja auch ganz gerne beim DSF-Doppelpass Platz nimmt und sich antandslos an das niedrige Niveau anpasst, das der Kicker mit diesem Sonderheft wieder einmal definiert hat.

Über den Autor: Esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben unter Google+