Die “5″ – Ein Nachruf

Bild von Manager-Magazin.deKlaus Augenthaler, Manni Binz, Matthias Sammer, Lothar Matthäus, Franco Baresi, Christian Treutler  Was haben all diese ruhmreichen Namen gemein? Richtig! Sie alle bekleideten die Position des Liberos. Selbst zu einem legendären Kinofilm hat es die Position gebracht. Wohlgemerkt: Der Titel beinhaltet nur die Spielposition, nicht einen Spieler, der sie ausfüllt. Lange galt die “Nr. 5″ als eine der wichtigsten Positionen im Kader einer Mannschaft. Niemand konnte es sich leisten, auf dieser Position auch nur durchschnittlich besetzt zu sein. Kein Vergleich zum absurden Hype der überschätzten “6″, wie wir ihn heute erleben.

Die damalige Bedeutung, die beispielhaft den anfangs genannten Spielern zugeschrieben wurde, war berechtigt. Sie machten nicht selten den Unterschied aus. Die fußballästhetische Besonderheit der Position war durch ihre Vielfältigkeit gekennzeichnet. Der Libero war weder Verteidiger noch Mittelfeldspieler, er war Zwitter. Hinten diente er der Absicherung, profitierte von seiner Antizipationsfähigkeit, bevor Trainer auf die wahnwitzige Idee der Abseitsfalle kamen, die zu Recht Woche für Woche trotz hilfloser, armhebender Versuche bitterlich bestraft wird. Zum anderen war er gleichzeitig Spielmacher. Der Mann, der die Richtung, das Tempo und die Struktur des Spiels gleich im Aufbau bestimmte.

Heute ist diese Position dem angeblichen “Zeitgeist” zum Opfer gefallen. Lediglich nüchterne, ergebnisorientierte Trainer werden ab und an nostalgisch und kehren zu einem Spielsystem mit einem freien Mann hinter der Abwehr zurück. Da mir dieser Verein besonders am Herzen liegt, wähle ich hier das Beispiel Friedhelm Funkel in Frankfurt. Gelegentlich wendet er tatsächlich den Libero an, in Person des Brasilianers Chris. Dieser ist von seinen Fähigkeiten her geradezu prädestiniert für diese Position. Eigentlich kann er gar nicht anders, denn die “5″ ist stets die einzige Möglichkeit, begabte Spieler unterzubringen, die schneckenlangsam sind. Doch was sind die Reaktionen? Vorwürfe, die darauf abzielen, das System wahlweise als altbacken, anachronistisch oder schlichtweg Symbol des Rumpelfußballs abzustrafen. Doch warum? Wie kommt es, dass eine einzige Spielposition, die so viel Ruhm hervorbrachte heute nur noch Hass und Verachtung hervorruft? Meine These ist, dass es sich dabei um eine typisch deutsche Eigenschaft handelt: Wir wollen nie mehr isoliert sein. Andere Länder haben die Position aus pragmatischen, rationalen Gründen abgeschafft: Die Italiener haben früh die Viererkette perfektioniert. Die Vorteile liegen dabei vor allem darin, dass die Außenverteidiger viel spezialisierter agieren können. Mussten sie im wahlweise 3-5-2 oder 5-3-2-System unendliche Wege gehen, werden sie im 4-4-2 entlastet und können sich primär auf ihre Defensivaufgaben konzentrieren. Ich will ja nicht so tun als hätte der Libero keine Nachteile. Doch insgesamt pflegen die anderen Nationen ein unverkrampfteres Verhältnis zum freien Mann. Der einzige Spieler, der meiner Meinung nach heute konstant als Libero bezeichnet werden kann, auch wenn niemand es tut, ist der Italiener Pirlo. Obschon er nominell als Mittelfeldspieler geführt wird, vereint er einerseits ein strategisch-defensives Denken mit einem beeindruckenden Aufbauspiel, technischen Fähigkeiten und Auge für das Spiel andererseits.

Doch warum haben wir Deutschen den Libero abgeschafft? Obwohl es sich  erneut sei an die anfangs genannten Namen erinnert, man könnte sie beliebig weiterführen, ich denke da an Spieler wie den legendären Matthias Herget, offensichtlich um eine Position handelte, in der wir stets für absolute Weltklasse standen. Ich glaube, wir taten es aus Eitelkeit, aus emotionalen Gründen. Wir wollten nicht länger die einzigen sein, die vermeintlich “altmodischen” Fußball spielen. Wir wollten Teil der modernen Fußballwelt sein. Und dabei haben wir eines vergessen: Wir können die Viererkette bis heute nicht. Wie oft verstehen deutsche Verteidiger unter “Raumdeckung” einfach in der Nähe von Niemandem zu stehen und in schierer Panik rauszulaufen und “Abseits” zu rufen, obwohl selbst Helga am Imbißstand erkennt, dass da mindestens 6 Meter fehlen?

Ich sage Euch: Führt den Libero wieder ein, wir können es nur so. Und wem der Ausdruck zu peinlich ist, der möge es einfach Dreierkette nennen.

Oder wäre der Kaiser als Innenverteidiger Kaiser geworden?

Über den Autor: Goldschuhe aus

Agent provocateur erster Güte. Ansonsten Misanthrop und Eintracht Frankfurt-Fan. Frisur: vorhanden.