Hans Meyer – Kult kann nicht gefeuert werden

Mensch, ihr Nürnberger, wie konntet ihr nur? Mit der Entlassung Hans Meyers verliert die Bundesliga die vielleicht einzige ehrliche Haut des gesamten deutschen Fußballzirkus. Und ihr verliert einen Trainer, der genau wusste, was er mit seiner Mannschaft erreichen kann. Und eine Menge Sympathien. Und was bekommt ihr? Einen Unsympathen als Trainer und den alten Michael A. Roth zurück. Moralisch steht der FCN nun mit null Punkten auf Platz 18 der Liga.

Dort stand der 1. FC Nürnberg auch sportlich, als Peter Neururer in der Saison 2005/2006 mit seinem geballten Fußballwissen und atemberaubendem Weitblick das Angebot des Clubs mit den Worten ausschlug: „Den Nürnbergern ist nicht mehr zu helfen, das möchte ich mir nicht antun.“ Mal abgesehen davon, dass nicht klar ist, wer da wem genau was angetan hätte, war das die Rettung für den Club. Denn Neururer ging nach Hannover, scheiterte dort kolossal und der Weg war frei für einen der unkonventionellsten Trainer der Bundesligageschichte: Hans Meyer.

Meyer führte die Clubberer von Platz 18 auf Platz 8. In der Saison darauf auf Platz 6, zum DFB-Pokalsieg und von dort aus direkt in den UEFA-Cup. Dort hatte er Ende letzten Jahres mit einem Kraftakt die K.O.-Runde erreicht. Doch es sind nicht nur sportliche Gründe, warum der Ostdeutsche, der nach der Wiedervereinigung eher unbemerkt in der holländischen Liga Triumphe feierte, Kultstatus erreichte. Meyer ist einfach durch und durch ehrlich, sympathisch, ironisch, intelligent und nimmt sich und das ganze Fußballbusiness nicht so wichtig. Im Gegenteil: Er versetzt denjenigen immer wieder verbale Seitenhiebe, die meinen, der Fußball sei der Nabel der Welt.

Auch aus seiner Herkunft machte Meyer nie einen Hehl. Er ist der einzige Ostdeutsche, der unumwunden zugibt, dass er damals für das System arbeitete („Bis zum Jahr 1990 habe ich nicht für Geld, sondern für den Sozialismus gearbeitet“). Gleichzeitig ist er einer der wenigen, dem man abnimmt, dass er dies nicht gerne tat. Und wenn Meyer sagt: „Hören Sie, ich bin von Haus aus Kommunist, das heißt, ich bin von Haus aus arm“, so nimmt er einerseits das DDR-System auf den Arm, andererseits umgeht er so geschickt nervigen Journalistenfragen nach seinem Gehalt.

Moderne Trainingslehre, Gummiseile, Klinsmänner und Fitness-Gurus – für Meyer nur billiger Hokuspokus, mit dem man gerne Innovation und Intelligenz vorgaukeln möchte. Er sagte während der WM: „Ich habe die Sorge, dass wenn wir Fußball-Weltmeister werden sollten, Achtjährige anfangen, über Gummiringe zu springen.“ Der Jenaer ist klug genug, zu wissen, dass auch „eine Woche konzentrierter Vorbereitung“ (Lieblingsfloskel eines anderen hier thematisierten Trainers) nichts wert ist, wenn am Samstag der Torwart unter der Flanke her springt und der Stürmer nur den Pfosten trifft. Es klingt zwar lustig, wenn Meyer in Journalistenblöcke diktiert: „Im Trainingslager haben wir ein Kickerturnier gemacht, vielleicht war das der Schlüssel des Erfolgs.“ Wer die vielen Aussagen des Fußballtrainers aber genauer studiert hat, weiß, dass er diesen Satz nicht ganz so scherzhaft meint, wie viele ihn verstehen. Am Samstag zählen die Tore, egal, wie gut die Woche trainiert wurde, das war und ist für Meyer die Quintessenz des Fußballs.

Hans Meyer konnte sein Team immer genau einschätzen. Er wusste, dass der Club die Saison 2006/2007 am oberen Limit gespielt hat. Die eher erfolglose aktuelle Saison mit dem Absturz auf einen Abstiegsrang brachte ihn nicht so aus der Fassung, wie viele es erwarteten und erhofften. Meyer weiß genau: Vieles was in der Vorsaison glücklich lief, läuft diese Spielzeit halt eher unglücklich. Er gab den Journalisten auch mal gerne das, was sie hören wollten. Aber so überspitzt, dass es nicht mehr für Artikel verwertbar war: „Wir werden zu Hause noch mal analysieren, wie dieses Ausgleichstor zu Stande gekommen ist, werden denjenigen, wenn wir jemanden herausfinden, erschießen – und weiter geht´s“. Harte Worte, die aber eher eine Journalistenschelte, denn eine Spielerschelte sind.

Nun erreichten auch Hans Meyer die berüchtigten Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts. Zum ersten Mal in seiner Karriere wurde er gefeuert. Und ausgerechnet bei der Trainerstelle, die er eigentlich gar nicht mehr antreten und sich stattdessen der Rosenzucht widmen wollte. Aber ein Michael A. Roth kann halt nicht aus seiner Haut. Er ist und bleibt halt nur ein Teppichhändler, der meint, sich selbst über alles andere stellen zu können. Bei gleichzeitiger völliger Ahnungslosigkeit über Fußball und Anstand. Mit der stillosen Entlassung – Meyer verkündete noch am Montag, als seine Demission und die Verpflichtung Thomas von Heesens längst fest stand, dass er die Rückendeckung des Vorstandes spüre – hat sich Roth das schlimmste Eigentor seiner Karriere geschossen. Hans Meyer sagte einmal mit fast schon Angst einflößender Voraussicht und nicht ahnend, dass er schon bald über einen Teppich stolpert: „Im Fußball baut man Dir schnell ein Denkmal, aber genauso schnell pinkelt man es an.“ In Nürnberg hat sich aber nur einer an der riesigen Meyer-Statue erleichtert. Und deshalb fordere ich alle FCN-Fans dazu auf, demjenigen seine Teppich- und Tapetenklitsche von oben bis unten voll zu pinkeln.

Über den Autor: Vollspann!

Optimistischer Pessimist und Schöngeist aus dem Ruhrgebiet (Herne). Als hochtalentierter Passivsportler und Dauergast beim BVB kennt er Höhen und Tiefen des Fußballsports.