Papiertiger 50+1-Regel

Papiertiger 50+1-Regel

Manchmal sind es verhältnismäßig kleine Dinge, in denen sich große Konflikte offenbaren. Es war kurz vor Schluss im letzten, sportlich bedeutungslosen Spiel zwischen Hannover 96 und dem SC Freiburg, als die Fans im Niedersachsenstadion noch einmal erwachten. Die Freiburger präsentierten in Ihrem Blog ein Transparent mit der Aufschrift „Kind muss weg“, unterstützt durch vielstimmiges Rufen nach dessen Demission. Auf Hannoveraner Seite stimmte man im Oberrang der Nordkurve ein, während man im Unterrang offenbar anderer Meinung war und ist. Die Folge: Gewaltätige Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Kurve. Das zeigt, wie tief Präsident Martin Kind die Hannoveraner Fanszene gespalten hat. Dass ausgerechnet die Freiburger Kurve Auslöser des Tumults war, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Kind für ein spezifisches Problem aller Fans mit dem Fußball steht: Er möchte die 50+1-Regel abschaffen.

Kind spielt auf Zeit

Kind ist einer der eifrigsten Kritiker der Regelung, die den Wettbewerb der in der DFL organisierten Fußballmannschaften, Vereinen wie Kapitalgesellschaften, regeln soll. Eine Lizenz bekommt man demnach nur, wenn der „’Mutterverein‘ mindestens 50 Prozent plus eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner innehat“. Im Fall des Lizenzierungsverfahren von RB Leipzig spielte diese Regel allerdings keine Rolle, da es sich bei Leipzig um einen eingetragenen Verein handelt. Hannover 96 ist dagegen in einer Hannover 96 GmbH & Co. KGaA organisiert und muss deshalb die Regel einhalten. Dass das Kind schon länger nicht schmeckt, ist bekannt, allerdings spielt er inzwischen mehr auf Zeit, statt sein Glück vor den Gerichtsbarkeiten der DFL zu suchen.

„Wir werden den Antrag spätestens 2017 wie geplant einreichen, um 100 Prozent des Klubs ab 2018 zu übernehmen.“

2018 ist Kind mit seinen Gesellschaftern nämlich seit 20 Jahren bei Hannover 96 engagiert und kann für sich, wie er es erstritten hat, die sogenannte „Lex Leverkusen“ in Anspruch nehmen. Sie ist die berühmte Ausnahme von der Regel und besagt, dass die 50+1-Regel aufgehoben werden kann, wenn „ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als 20 Jahren vor dem 01.01.1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat.“ Dazu zählt neben Bayer Leverkusen auch der VfL Wolfsburg und somit VW. Kind hat 2011 erstritten, dass der Zusatz „vor dem 01.01.1999“ entfällt und kann deshalb ab 2018 mit seinen Gesellschaftern Hannover 96 auch formal übernehmen. Eine reine Formalität, wenn man sich vor Augen führt, dass er schon jetzt über die Hannover 96 Sales & Service GmBH & Co. KgaA mehr als 86 Prozent der Stimmanteile kontrolliert.

Die Schizophrenie der 50+1-Regel

Hannover ist nicht das einzige Beispiel, bei dem die 50+1-Regel zu einer schizophrenen Situation führt. Bei der TSG Hoffenheim gehören 96 Prozent des angelegten Kapitals einem Mann, Dietmar Hopp. Bei 1860 München entfallen 60 Prozent des eingesetzten Kapitals auf Investor Hasan Ismaik und beim unterklassigen FC Carl-Zeiss-Jena gibt es mit Staprix NV einen Investor, dessen Kapitaleinlage 95 Prozent entspricht. Wer glaubt, die Genannten würden von ihren Möglichkeiten der Einflussnahme keinen Gebrauch machen, der ist mindestens naiv. Oder, wie es Martin Kind, formuliert:

Wenn man Veränderungen nicht gestaltet, schaffen sich die Marktteilnehmer Wege der Umgehung. Das ist nicht nur im Fußball so.

Ist die 50+1-Regel also nicht mehr als ein Papiertiger? Die Antwort könnte „Nein“ lauten, haben doch nicht alle Vereine im deutschen Profifußball ihre Mannschaften in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert. Und für alle als Verein organisierten Proficlubs gilt die 50+1-Regel nicht. Genau deshalb kam die DFL kurzzeitig so ins Schwitzen, denn RB Leipzig gehört faktisch Red Bull, ist aber ein eingetragener Verein. Es war also nichts anderes als ein Scheingefecht der DFL, das sich an Dingen wie dem Vereinslogo oder der Vereinsstruktur aufgehalten hat. Mit bekanntem Ausgang, der die 50+1-Regel allerdings von einer Seite her aushebelt, von der aus sie als sicher galt. Um den Frieden zu wahren, lässt die DFL RB gewähren, weiß man doch auch in Frankfurt, dass RB das Geld und die Möglichkeiten besitzt, die 50+1-Regel vor einem europäischen Gericht zu Fall zu bringen. Ergo wird es eine weitere Aufweichung von „50+1“geben, bis die Regel 2018 dann komplett abgeschafft und es zur Kulturrevolution im deutschen Fußball kommen könnte.

Zu viele Ausnahmen

Aber vielleicht ist das besser, als die bisher genehmigten und geduldeten Ausnahmen. So kann es sich Hoffenheim zum Beispiel leisten, seit dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga eine Transferbilanz von mehr als minus 36 Millionen anzuhäufen. Dabei noch totes Kapital in Form von Tim Wiese auf der Tribüne zu binden und trotzdem Spieler wie Firmino zu halten und den talentierten Torhüter Baumann aus seinem Vertrag beim SC Freiburg heraus zu kaufen. Eine Summe, die der VfL Wolfsburg freilich in einer einzigen Saison verbrennt. Seit der Saison 2000/2001 hat das Team im Besitz von VW 167 Millionen Minus bei seinen Transfers erwirtschaftet. Dagegen nehmen sich die 100 Millionen, die Brause-Didi in RB Leipzig investiert hat, fast als Peanuts aus. Und natürlich will Brause-Didi dafür eine Gegenleistung haben, mittel- bis langfristig, wie der BWLer sagt.

Wenige Beispiele, die verdeutlichen dürften, dass es so etwas wie Chancengleichheit in der Bundesliga nicht gibt und eine Regel wie „50+1“ sie auch nicht herstellen kann. Wäre es deshalb nicht sinnvoller eine Regel abzuschaffen, die, wie Kind bemerkt, gleich an vier Punkten gegen europäisches Recht verstoßen könnte:

„Europarecht, freier Kapitalverkehr, Kartellrecht und Wettbewerbsrecht. Nach den mir vorliegenden Gutachten und rechtlichen Beurteilungen würde die Verbandsregel nicht bestätigt werden.

Oder ist ein Papiertiger am Ende besser als Investoren, die „wie die Heuschrecken“ über den Fußball herfallen? Drei Ausnahmen von der 50+1-Regel gab es bisher, wenn man die TSG Hoffenheim dazu zählt, mit RB Leipzig wurde gerade der vierten Ausnahme die Lizenz erteilt. 2018 kommt mit Hannover spätestens die fünfte hinzu. Wie viele Ausnahmen verkraftet eine Regel, bis sie nichts mehr wert ist?

Exkurs: 50+1 als Placebo

Hängen wir in unseren sauteuren Trikots, mit dem ungeliebten Bier des Hauptsponsors im Becher und der schlecht gebratenen Wurst des offiziellen Caterers in der Hand nicht einer romantischen Vorstellung von Fußball nach, die es nie gegeben hat. Mäzene, ein schöneres Wort für Investor haben in vielen Fällen eine herausragende Rolle gespielt, beispielsweise Ottokar Wüst bei der Entwicklung des VfL Bochum, Klaus Steilmann beim Aufstieg von Wattenscheid 09 oder Finke in Paderborn. Investoren, deren return of investment darin liegt, einmal ihren Lieblingsclub in der ersten Liga spielen zu sehen. Nach dem Rückzug des Investors, zumindest im Fall von Wattenscheid, folgte der lange Gang ins fußballerische Nichts, die sich derzeit Regionalliga schimpft.

Nur weil die Tabelle am Anfang der Saison Chancengleichheit suggeriert, da alle Zähler auf null stehen, ist noch lange keine Chancengleichheit gegeben. Natürlich gibt es im Fußball so etwas wie Momentum und eine Mannschaft, siehe Paderborn, kann über sich hinauswachsen. Aber betrachtet man einmal die Zehn-Jahres-Tabelle der Bundesliga ergibt sich ein Bild, das der Abschlusstabelle der Saison 2013/2014 zumindest auf den ersten Plätzen frappierend ähnelt. Auch mit „50+1“ ist diese Tabelle in erster Linie eine Geldrangliste, in der auch der HSV seinen Platz findet, ohne die Regel– so meine These – würde sie nicht gravierend anders aussehen.

Zitate: handelsblatt.de

Zahlen: de.wikipedia.org, transfermarkt.de

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

10 comments

  1. Guru von der Kreuzeiche

    Ein sehr guter und reflektierter Artikel. Man kann das alles so sehen. Ich habe nur die Sorge, dass die Ungerechtigkeit bei einem Fall von 50+1 weiter zementiert wird oder sich sogar noch stärker ausprägt. Denn die Investoren werden dann in die gestandenen und attraktiven Vereine investieren, während der Rest in die Röhr schaut. Das Ergebnis: noch mehr Kohle im Spiel, noch weniger Spannung und die völlige Abkehr vom Vereinsgedanken.

  2. Goldschuhe aus

    Nachdem ich gelsenen habe, dass scheiß Wolfsburg einem etwas überdurchschnittlichen Kicker wie Sebastian Jung 5 Mios. pro Jahr bietet, hat sich meine Haltung zu 50+1 verändert. Ein Verein wie Eintraqcht Frankfurt kann ohne Investor nichts, aber auch gar nichts, um in diesem Spiel mitzspielen. Und mit scheiß Leipzig stehen die nächsten vor der Tür.

  3. Esleben

    Aber mit einem Verein im engeren Sinne hat doch ein Proficlub nichts zu tun, auch wenn er sich so nennt. Das zeigt ja das Beispiel RB Leipzig anschaulich. Ich würde dagegen halten, dass sich gar nicht so viel ändern würde, da es durchaus „Vereine“ gibt, die ihre Nische gefunden haben und dort auch für Investoren attraktiv wären.

    Vereine wie St. Pauli oder auch Freiburg stehen ja für bestimmte Werte, die sie eben auch für Investoren attraktiv machen würden. Mit samt ihrer „kritischen“ Anhängerschaft, so zynisch ist das Ganze ja.

  4. Guru von der Kreuzeiche

    In diesem Spiel mitspielen konnte Frankfurt aber seit Jahren nicht. Was hat sich also jetzt verändert? Wolfsburg zahlt schon seit Jahren Saugehälter. Da muss man ja Leverkusen noch als lobendes Beispiel nehmen, da scheint es ja noch relativ vernünftig abzulaufen. Aber 5 Mio. für Jung. WTF?

  5. Don

    Ich bin diesbezüglich einfach nur müde. Man kann es so sehen wie Goldschuh. Aber dann steuern wir Richtung England. Will man das wirklich?

    Andererseits wird eine echte, harte Auslegung von 50+1 die Bundesliga ebenso zementieren, weil schlichtweg niemand mehr die Bayern und Dortmund (und wohl auch Schlake) wird einholen können. Das Gefälle verschwindet ja nicht, nur weil externe Mitbestimmer wie VW oder Bayer oder SAP verschwinden.

  6. Goldschuhe aus

    Was sich verändert, Guru, ist, dass es immer mehr Ausnahmen gibt. Erst war es Leverkusen. Dann Wolfsburg. Dann Hoffenheim. Jetzt Leipzig. Man hat künftig als normaler Verein nicht mal mehr die Chance, es in die Euro League zu schaffen. Oder man macht es wie Schalke: Extremverschuldung in der Hoffnung, dass es gut geht. Ist allerdings ein mehr als mutiger Weg.

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