Standgericht Kerner

Das Godwin’sche Gesetz beschreibt treffend ein grundlegendes Problem der gesellschaftlichen Diskussionskultur: Je länger eine Online-Diskussion währt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Diskussions-Teilnehmer einen Hitler-Vergleich bemüht und die Diskussion für die anderen Teilnehmer auf diese Art und Weise beendet. Dies gilt jedoch nicht nur für Online-Diskussionen, sondern auch für viele Diskussionen in der Realität.

Insofern hätte die Diskussion in der gestrigen Sendung von Johannes Baptist Kerner überhaupt nicht mehr stattfinden müssen – genau so wie dieser Moderator, der sich selbst gern als “Journalist” tituliert, überhaupt nicht mehr stattfinden müsste – denn die öffentliche Diskussion um die umstrittenen Äußerungen Eva Hermans zur NS-Familienpolitik war doch im Grunde genommen nach der insgesamt verdienten Empörung schon längst Schnee von gestern und eine sinnvolle Fortführung doch – auch nach Godwins Auffassung – eher unmöglich und damit sinnlos.

Doch Kerner wäre nicht Kerner, wenn er nicht wie sein Kollege Beckmann einen geradezu widerlichen Instinkt entwickelt hätte, die Starken durch ständiges Kriechen und Hofieren noch stärker zu machen und auf der anderen Seite den sowieso schon Geschlagenen noch einen ordentlichen Tritt ins Gesicht zu verpassen. Dies bewiesen Kerner und sein Gspusi schon bei öffentlichen Quasi-Hinrichtungen von Robert Hoyzer und Susanne Osthoff zur Genüge; Zeugen der Fortsetzung dieses traurigen Spiels konnten die Zuschauer bei der Dienstags-Ausgabe von “Johannes B. Kerner” im ZDF werden.

Eva Hermann war, wie schon erwähnt, wegen ihres absurden Vergleiches der heutigen Familien-Werte mit jenen der NS-Zeit eingeladen und sollte sich nun einmal mehr rechtfertigen. Um Kerner bei seiner Mission im Auftrag des Gutmenschentums zu unterstützen, nämlich der abtrünnigen Herman ihre Isoliertheit in unserer politisch korrekten Gesellschaft optimal aufzuzeigen, waren außerdem Senta Berger und Margarethe Schreinemakers geladen. Den grenzdebilen Comedian Mario Barth lassen wir an dieser Stelle aufgrund von Belanglosigkeit und intellektueller Überforderung unter den Tisch fallen.

Es läuft von Anfang an nicht gut für Herman, die Kerner übrigens konsequent mit Vornamen und “du” anspricht, so als wolle er ein heuchlerisches “Ich-bin-doch-auf-deiner-Seite” signalisieren. Zu Beginn wird sie mit einem Audio-Dokument mit  ihrer Äußerung konfrontiert, die im übrigen erstens furchtbar wirr erscheint und sich Herman dabei zweitens offensichtlich nicht entscheiden kann, ob nun die Nazis oder die 68er die alten Familien-Werte zerstört haben. Dies ist wichtig zu wissen, denn der erste Teil der Aussage widerspricht dem zweiten und umgekehrt:

“Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….”

Es geht also aus Hermans Äußerung nicht klar hervor, wer nun ihrer Meinung nach für die Zerstörung der Familien-Werte verantwortlich zeichnet. Waren es nun die Nazis oder die 68? Und hier liegt der Kardinalfehler Hermans: Es wäre ihr ein leichtes gewesen, diese Unklarheit zu beseitigen und weiter ihr äußerst konservatives und reaktionäres Gedankengut zu verbreiten. Denn Konservatismus und Reaktion führen in Deutschland im Gegensatz zu einem unpassenden Vergleich zum Nationalsozialismus nicht zu einem teils hysterischen Aufbegehren. Außerdem ist der Satz mit dem “durchgeknallten, hochgefährlichen Politiker” natürlich völliger Blödsinn, da Herman gerade an dieser Stelle ihrer Aussage ein hirnloses “Aber-es-war-doch-nicht-alles-schlecht” hinzufügt. Aber darum geht es mir hier nicht und man könnte es auch einfach als ein wirres, der freien Rede geschuldetes Versehen abhaken. Darum: geschenkt.

In der unsinnigen und misslungenen Verteidigung Eva Hermans ihrer oben zitierten Äußerung liegt der frühe Wendepunkt der Sendung, die damit zu einer Art Standgericht mutiert: Vorsitz: Kerner. Angeklagte: Herman. Geschworene: Berger, Schreinemakers.

Kerner wittert ab jetzt seine Chance, am kommenden Tag in der Presse endlich einmal als investigativer und knallharter Journalist gefeiert zu werden und läuft zu großer Form auf; oder zumindest dazu, was er unter “großer Form” versteht. Gerade so, als hätten sich alle Gutmenschen der Welt in dieser erbärmlichen Gestalt des Fernsehens vereinigt. Es geht Schlag auf Schlag: Eva Herman wird ständig mit demselben – leicht abgewandeltem – Vorwurf konfrontiert und kämpft auf eine überaus unsympathische, ungeschickte und unintelligente Weise von Anfang an auf verlorenem Posten. Die Diskussion erinnert auf geradezu groteske Weise an die Steinigungsszene aus Monty Pythons Meisterwerk “Das Leben des Brian”: Die Meute wartet darauf, dass Eva Herman bei ihren kruden Verteidigungsreden “Jehova” respektive “Nazi” sagt, um sie dann unter großem Geschrei zu steinigen. Da hilft auch nicht, ihre Distanz zum Nationalsozialismus zu beteuern. Richter Kerner und die Geschworenen Berger und Schreinemakers haben schon geurteilt. Man fragt sich dabei jedoch auch: Warum ist Herman so stur und ungeschickt? Warum gibt sie nicht einfach zu, in diesem Fall Schwachsinn geredet zu haben?

Kerner fühlt sich bei der ganzen Sache auf jeden Fall sichtlich wohl, da er sich der Unterstützung seiner weiteren Gäste sowie der Zuschauer sicher sein kann und spielt seine dadurch gewonnene Überlegenheit genüsslich aus. Genau so funktioniert investigativer Journalismus, Johannes. Ganz groß!

Seine gespielte Empörung und Fassungslosigkeit werden dabei mit Unmutsäußerungen der Damen Geschworenen gespickt. Besser kann es doch für einen Moderator gar nicht laufen: Der Sündenbock ist gefunden und alle dürfen auch mal einen Stein werfen. Und wenn die Angeklagte am Boden liegt, baut man hie und da noch eine goldene Brücke, so dass sich die Angeklagte wieder aufrichten kann, um dann zum finalen Schlag auszuholen.

Man meint, dass die ganze Strategie der Sendung nur darauf ausgerichtet sei, einen Anlass zu finden, um Eva Herman als völlig unmöglich und als völlig untragbar für eine Sendung des demokratischen Geists, wie Kerners kleine Plauderrunde doch eine ist, zu machen. Dies klappt natürlich vorzüglich. Nachdem Herman sich 50 Minuten auf diese Art und Weise in die Enge getrieben fühlt, macht sie einen weiteren folgenschweren Fehler und verzapft wahrlich echten Blödsinn: Das Verteidigen der Mutterschaft und das Einsetzen für Kinder, würde in Deutschland sofort mit der Ideologie der Nazis in Verbindung gebracht. Sie habe gelernt, dass man nicht mehr über den Verlauf der Geschichte diskutieren dürfe, ohne in Gefahr zu geraten. Und wenn man nicht mehr über die Familienpolitik der Nazis reden dürfe, dann dürfe man auch nicht mehr auf den Autobahnen fahren. Eva Herman fühlt sich also als Opfer, die von den bösen Medien immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird und vergisst dabei, dass sie es war, die in diesem Diskurs die Verbindung von Familien-Werten und Nationalsozialismus hergestellt hat.

Doch damit ist das Urteil gefällt. Berger und Schreinemakers wollen nicht länger in der Sendung bleiben und Kerner meint: “Autobahn geht gar nicht, nein, also Autobahn, das geht nicht.” Und Autobahn ging auch tatsächlich nicht, denn Kerner spricht sich unter tosendem Beifall “für seine drei weiteren Gäste” aus und “verabschiedet” sich von Eva Herman. Danach ist es wie im Märchen: Mario Barth darf Witze machen, die keine sind – da fand ich Hermans Gag mit den Autobahnen besser – während Berger und Schreinemakers sich darüber geradezu kaputtlachen. Alle sind glücklich, haben einen Mörder-Spaß inne Backen und übertreffen sich gegenseitig darin, den Zuschauern zu zeigen wie schön das Leben doch ohne diese böse Eva Braun sein kann.

Ja, Johannes Baptist, alter Freund. Da hast du ja einmal mehr eine richtig starke Sendung abgeliefert. Doch übrigens, nur mal am Rande: “Investigativ” geht doch ein wenig anders und “Journalist” geht sowieso ganz anders. Denn in die Enge Getriebene noch weiter zu treten und vor sich her zu treiben, um zu beweisen, was man selber doch für ein unglaublich feiner und moralisch gefestigter Kerl ist, ist ein Widerspruch in sich und darüber hinaus einfach nur primitiv. Und wo wir doch gerade dabei sind: Von Fußball hast du auch keine Ahnung und du bist als Moderator überbezahlt.

Über den Autor: Guru von der Kreuzeiche

Leidensbereiter sowie leiderprobter SSV-Reutlingen-Fan und Unsympath. Empfindet die Bezeichnung “Unglaublicher Demagoge” als Kompliment. Trinkt was Schnäpse angeht nur klar.