Rekonvaleszenten und Reservisten

Mit Rekovaleszenten und Reservisten wollten Jogi Löw und die deutsche Nationalmannschaften zu den Topfavoriten der EM gehören. Selbst ein taktisch desolates Spiel gegen Kroatien konnte das Selbstvertrauen bei Jogi, Mischi und Lutscher kaum ins Wanken bringen. Doch so langsam fragt man sich, woher diese Mannschaft ein Selbstvertrauen nimmt, das sich auf dem Platz in keinster Weise bemerkbar macht? Vielleicht liegt es daran, dass sich heimlich, still und leise ein System in die Arbeit von Jogi Löw eingeschlichen hat, dass man seit dem Rücktritt von Rudi Völler auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnte.

Unter Löws Vorgänger Klinsmann wurde die Leistung zum Prinzip erhoben und dieses Prinzip mit einer ebenso öffentlichkeitswirksamen wie folgerichtigen Entscheidung auf dem Torwartposten in die Tat umgesetzt. Doch anno 2008 scheint für die Nominierung in die Startformation zu genügen, dass man 2006 auf dem Feld stand. Die Mannschaftsaufstellung als Erbfolge? Das war das prägende Element der Derwalls, Ribbecks, Völlers und Vogts, aber dem modernen Jogi sollte so etwas doch nicht passieren.

Beim Blick auf die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale vor zwei Jahren ergibt sich folgendes Bild:

Tor: Jens Lehmann

Abwehr: Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm

Mittelfeld: Schneider, Borowski, Kehl, Ballack

Sturm: Klose, Podolski

Frings fehlte gesperrt, hätte sonst aber sicher von Anfang an gespielt. Ein Blick auf die Aufstellung von gestern ergibt folgendes Bild:

Tor: Jens Lehmann

Abwehr: Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm

Mittelfeld: Fritz, Frings, Ballack, Podolski

Sturm: Klose, Gomez

Geht man davon aus, dass Schneider, wenn er nicht verletzt gewesen wäre, gespielt hätte, steht lediglich ein neuer Spieler in der Startelf. Wenig Veränderung innerhalb von zwei Jahren, wenn ein Trainer immer wieder das Leistungsprinzip predigt. Und noch schräger wird das Bild, wenn man einen Blick auf die Form und die abgelaufenen Saison der Startelf wirft.

Lehmann war vor der WM die unumstrittene Nummer eins im Tor einer der besten Clubmannschaften der Welt, dieses Jahr war er fast die komplette Saison Ersatzmann. Metzelder verpasste fast die komplette Saison von Madrid, musste vor der WM wenigstens nicht ganz bei null beginnen. Lahm spielte bei Bayern eine durchschnittliche Saison, Frings verpasste fast die komplette Hinrunde, Ballack ebenso, Fritz plagte sich zu Saisonbeginn lange mit einer Verletzung herum, Klose verschwand im Schatten von Toni, Podolski kann sich auch im zweiten Jahr bei Bayern nicht durchsetzen. Gomez: ebenfalls durch Verletzungen zurückgeworfen. Eine Mannschaft der Rekonvaleszenten und Reservisten. Wer die ganze Saison gesund war und gute bis sehr gute Leistungen gebracht hat, muss auf der Bank Platz nehmen. Oder wurde von Löw nach dem absurden “Casting” auf Mallorca wieder nach Hause geschickt.

Wieso hält Löw krampfhaft an den “WM-Helden” fest? Wieso wurde der Leistungsgedanke kontinuierlich aufgeweicht? Es scheint, als würde Löw im Gegensatz zu seinem Vorgänger das Risiko und den Konflikt mit den Spielern scheuen. Ein Charakterzug, der den deutschen Fußball dort hinführen kann, wo er unter Rudi Völler über die Färoer Inseln rumpelte. Im gestrigen Spiel gegen Österreich fehlten nur noch die grünen Trikots und man hätte sich endgültig in die 80er Jahre zurückversetzt gefühlt.