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Old Firm – das einzig wahre Derby

Sonntag, 14 Uhr, wird im Ibrox Park in Glasgow das wohl berühmteste Fußballderby der Welt angepfiffen: Rangers gegen Celtic, Protestanten gegen Katholiken, Schotten gegen Iren. Sportlich spannend dürfte es nicht werden, Celtic führt derzeit mit 21 Punkten Vorsprung vor den Rangers die Tabelle an. Außerdem droht dem verhassten Konkurrenten die Insolvenz und damit das Ende eines der prestigeträchtigsten und traditionsreichsten Derbys des Weltfußballs.

Old Firm

Das Vice-Magazin hat für einen 50-minütigen Film über „Old Firm“ einen Reporter nach Schottland geschickt, um das Derby für die Nachwelt festzuhalten, sollte es wirklich zum „worst case“ in Sachen Glasgow Rangers kommen. Kev Kharas trifft in seinem Film Fans beider Seiten, versucht die politischen Untertöne des Matches zu rekonstruieren, und kümmert sich um die dunklen Stunde der langlebigen „Old Firm“-Geschichte. Leider ist mein Schottisch miserabel, trotzdem kommt eine Menge Atmosphäre und von den Problemen rund um „Old Firm“ rüber, die dazu führten, dass die britische Regierung „The Offensive Behaviour at Football and Threatening Communications Act“ einführte. Und Dietmar Hopps Traum wahr werden ließ: Das Singen von Schmähgesängen wird seitdem nämlich mit Stadionverboten und Gefängnis sanktioniert.

Teil 2 bis 5 auf vice.com (via whoateallthepies.tv)

Junges Derby

Fr, 18:00 Uhr: VfL Bochum – FC Ingolstadt 04 (Das Opel-Audi-Derby) 0:1

Fatalismus gibt rund ums Ruhrstadion derzeit den Ton an. Also noch stärker als hier eh schon üblich, aber wer will das den notorisch missmutigen und mißerfolgsverwöhnten Bochumern verleiden. Höchste Zeit, dass die Saison ohne Schrecken zu Ende geht, und man sehen kann, wozu dieses Team in der Lage ist, wenn von Beginn der Saison an nicht alles schief läuft. Dabei bitte auch mal darüber nachdenken, ob Marcel Maltritz eigentlich noch ein weiteres Jahr den VfL Richtung dritte Liga kicken darf.

Sa, 15:00 Uhr: SSV Reutlingen – Stuttgarter Kickers II (Das kleine Derby) 4:2

Die Regionalpresse schreibt vom „kleinen Derby“ gegen die Zweivertretung der Stuttgarter Kickers. Die durften immerhin mal in der ersten Liga kicken und spielen in einem Stadion, dessen Name viele Kommentatoren zu fatalen Fehleinschätzungen verleitet. Das Stadion heißt Waldau-Stadion und liegt im Stuttgarter Stadtteil Degerloch. Hier kickt also keiner in der Waldau, noch im Degerloch. Bitte merken, danke!

Sa, 15:30 Uhr: SC Freiburg – 1.FC Kaiserslautern (Das Abstiegs-Derby) 2:0

Kaiserslautern hat unter der Woche sämtliche Register gezogen, um in diesem Spiel wenigstens ein bisschen was zu reißen. Sogar den Trainer gefeuert und durch Krassimir Balakov ersetzt. Wieso Kuntz der Meinung ist, ausgerechnet ein Fußball-Schöngeist wie Balakov könnte den Pfälzern im „Abstiegskampf“ helfen, kann wohl nur nachvollziehen, wer mit den Pfälzern hält. Aber in der Not zieht der Teufel jeden Strohhalm…

Sa, 18:30 Uhr: FC Schalke 04 – Bayer Leverkusen (Das Düsseldorf-Derby) 2:0

Was hat Düsseldorf mit diesem Spiel zu tun? Gegenfrage: Wer wohnt freiwillig in Gelsenkirchen oder Leverkusen? Eben, und deshalb trifft man Spieler und Funktionäre beider Mannschaften häufiger im hippenstinkendreichen Oberkassel oder beim Einrichter eures Vertrauens. Deshalb halten sich in der Düsseldorfer Presse auch seit Monaten hartnäckige Gerüchte, Raul könnte zur Fortuna wechseln. Wenn Rudi Völler so etwas hört, lässt er sich von Guiseppe Saitta lieber noch einen Weißwein servieren…

So, 17:30 Uhr: 1.FC Köln – Borussia Dortmund (Das Problemfan-Derby) 1:6

Die Fans beider Vereine sind in letzter Zeit verhaltensauffällig gewesen, sportlich könnte es nicht unterschiedlicher laufen. Dort die Dortmunder, die inzwischen auch auf Bayern-Dusel zählen können, dort der führungslose FC Podolski, dessen Zukunft selbst bei einem Klassenerhalt düsterst aussieht. Kaum denkbar, dass Dortmund ausgerechnet hier an der Titelverteidigung scheitern könnte.

Mo, 20:15 Uhr: 1.FC Union Berlin – Eintracht Frankfurt (Das Don-Goldschuhe-aus-Derby) 0:4

So oft kommt es nicht vor, dass große Teile der 5 Freunde-Belegschaft sich gemeinsam ums Lagerfeuer der Moderne versammeln und mit fachmännischen Blick Don dabei zu sehen, wie er 90 Minuten lang im Wohnzimmer steht, sich brüllend über die Eintracht aufregt und zugleich seine Liebe zu Ally MacBeal artikuliert, während Misanthrop Goldschuhe aus nur nach Möglichkeiten sucht, allen die Causa „Gekas“ aufs Brötchen zu schmieren. Buxe liegt derweil im Sofaeck und wacht nur zum Abpfiff kurz auf, während die Düsseldorfer Fraktion ihre Ruhrgebiets-Depression mit „Pilsetten und Wurstspritzen“ heilt.

Foto: Chris Phan/flickr.com

 

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

In den Herzen Berlins – Update –

Als ich im Juni nach Berlin gezogen bin, fiel mir kurze Zeit später das Sonderheft der Fußball-Woche in die Hände. Bis ins letzte Detail werden hier Kader und Saisonplanungen aller Berliner Vereine aufgeführt, bis runter in die Kreisklasse. Bald war im Freundeskreis die Entscheidung getroffen, in ein oder zwei Jahren so viele Stadien, Kampfbahnen und Sportplätze wie möglich zu besuchen. Raus aus den Arenen, ran an den Rasen! Wir wollen die Herzen Berlins erkunden und hoffen dort zu finden, was wir in den großen Stadien der Bundesrepublik vermissen: Seele, wahre Leidenschaft und Fußballsport ohne große Sperenzien.

Den Anfang machte vor einigen Wochen der Schlager Berliner SC : Hertha 03 Zehlendorf (Berlin-Liga), die Klatsche (0:5), die sich das Heimteam am wunderschönen Hubertussportplatz abholte, soll hier aber nur eine Randnotiz sein. Die Erinnerungen sind doch inzwischen allzu sehr verblasst.

Letztes Wochenende umgingen wir direkt unsere selbstauferlegte „Amateur-Pflicht“ und besuchten das Spiel SV Babelsberg 03 : SV Darmstadt 98 (3. Liga). 2.199 Zuschauer im Schnitt und die minimal linksorientierte Anhängerschaft der Babelsberger waren für uns aber Gründe genug, bis nach Potsdam zu fahren. Zudem hatten die Babelsberger mit Darmstadt einen Traditionsverein zu Gast, der sich so langsam wieder auf dem Weg nach oben zu bewegen scheint.

Kaum am S-Bahnhof angekommen, empfing uns auch schon die geballte Staatsmacht: Zwei sympathische (sic!) Uniform-Träger in ihren frühen 50ern wiesen uns den Weg: „Der Bus is scheiße, lauft lieber! Vielleicht werdet ihr ja begleitet.“ Unser Fußweg führte uns durch beschauliche Babelsberger Wohnhäuser, Fußball auf dem Dorf. Und plötzlich dann dieser magische Moment, wie er sich inzwischen leider nur noch selten einstellt: Hinter einer bemalten Häuserfront tauchen die Flutlichtmasten des Karl-Liebknecht-Stadions auf. Das Stadion ist eines der schöneren, die ich bisher besucht habe: ein reines Fußballstadion, wenig Platz zwischen Zaun und Auslinie, eine überdachte Haupttribüne mit Sitzplätzen und ansonsten Betonstufen. Ein Oldschool-Ground wie er im Buche steht.

Das Spiel selbst befand sich allerdings auf überschaubarem Niveau, mit leichten Vorteilen für Darmstadt. Eine der Angriffsbemühungen der Lilien wurde in der 37. Minute schließlich per Foul gestoppt, Elfemter und gelb! Marcus Steegmann „lies sich diese Chance nicht nehmen“. Die ohnehin eher durchwachsene Stimmung befand sich nun auf einem Tiefpunkt. Nur die beiden älteren Herren, die ihren Platz vor uns am Zaun nur ein einziges Mal, zum Bierholen natürlich, verließen, moserten mit der gleichen Intensität weiter und gelangten sich auch weiterhin in schöner Regelmäßigkeit in die Haare.

Die zweite Halbzeit gestaltete sich dann etwas spannender: kopflose Angriffsbemühungen auf beiden Seiten, plötzlich Rudelbildung, zwei Rote Karten (eine gegen Darmstadt, eine gegen Babelsberg) und, drei Minuten später, eine weitere Hinausstellung. Diese eingesprungene Vinnie-Jones-Gedächtnisgrätsche mit Anlauf ließ dem Schiedsrichter aber auch keine andere Wahl. Und tatsächlich, es ging ein Ruck durch die Babelsberger Mannschaft. Kick and Rush ersetzte die Brechstange (oder umgekehrt? Ich weiß es nicht mehr) und in der 84. Minute stocherte Anton Makarenko einen zuvor ungefähr tausendmal abgeprallten Ball über die Linie nahm sich Anton Makarenko ein Herz und jagte die Kugel aus 22 Metern flach ins rechte Eck des Darmstädter Tores. Wir, inzwischen überzeugt vom Bier und unseren neuen Freunden von der lokalen Antifa, hingen am Zaun und brüllten unseren Jubel über den Rasen. Wenigstens einen Punkt gerettet!

Unser weiterer Weg führte uns im Anschluss an das Spiel noch in den Fanladen in der Nähe des Stadions. Der schwarze Block, junge Mütter mit ihren Kindern, einige Rentner und Bier für 1,20 € überzeugten uns nun gänzlich: Babelsberg ist ein hochgradig sympathischer Verein, irgendwo zwischen Provinz und Großstadt, aber einer hochgradig freundlichen Atmosphäre. Auf dem Rückweg trafen wir erneut die beiden Kollegen von der Polizei, die den S-Bahnsteig immer noch eisern überwachten. Die Jungs wollten alles über das Spiel wissen und ob Babelsberg „wieder gezündelt“ hätte. Denn: „Auch wenn wir’s eigentlich nicht sagen dürfen: Pyro sieht ja schon geil aus.“

3. Liga, 2011/2012, 17. Spieltag, Samstag, 19. November, SV Babelsberg 03 : SV Darmstadt 98 – 1:1 (0:1). Karl-Liebknecht-Stadion, 2.033 zahlende Zuschauer.

Über den Autor: schneider3

Mildernde Umstände aufgrund familiärer Vorschädigung durch zwei dominante Brüder. Normalerweise erlebt das Weißbier bei ihm das Mittagsläuten nicht. Kaiserslautern-Fan. Weiß der Teufel, warum.

FDP gewinnt Preis für die dümmste Fußballanalogie

Schluss, aus, vorbei. Die Konkurrenz kann einpacken. Die FDP holt sich, bereits im August, souverän den Pokal für die dümmste Fußballanalogie. Selbst die Konkurrenz muss zugeben, dass die FDP derzeit in einer eigenen Liga spielt.
Für ihren Coup hat sich die FDP auf internationales Parkett gewagt und den Wahlkampf in der Weltstadt Berlin genutzt, um jegliche Hoffnungen der Mitbewerber im Keim zu ersticken. Bevor wir das grandiose Meisterwerk enthüllen, freuen wir uns, wieder einmal, exklusive Einblicke erlangt zu haben und an dieser Stelle die Laudatio des Zweitplazierten im laufenden Wettbewerb Norbert Walter-Borjans (SPD) wiedergeben zu können. Seine klassische Analogie des „Balls in der gegnerischen Hälfte“, diesmal angewandt auf die Weltfinanzkrise, war zwar gut, aber nicht gut genug. Walter-Borjans hat sich aufgrund der Überlegenheit des Gegners jedoch sofort bereit erklärt, für den Festakt als Redner zur Verfügung zu stehen. Die Preisverleihung findet traditionell am 31. Dezember im Rahmen der Veranstaltung „Danke, DFB!“ im Mercedes-Benz Museum, Stuttgart statt.

Hier nun der Text im Wortlaut:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

dies soll eine Lobrede sein, aber, bitte, verzeihen Sie mir, wenn ich bisweilen ins Elegische abschweife. Denn: Wir Politiker haben es schwer. Ich stehe hier als Janus vor Ihnen, zwei Herzen schlagen in meiner Brust, zwei Gesichter zieren mein Haupt. Einerseits bin ich Politiker und löse Probleme, andererseits bin ich Fan. Fußballfan. Und ich bin nicht der einzige, nein, wir sind Legion! Und dennoch werden wir angefeindet. Mein Genosse Kurt Beck zum Beispiel ist Fan des 1. FC Kaiserslautern und des 1. FSV Mainz. Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. mag Schalke und Dortmund. Und Angela Merkel ist, wie viele, nicht erst seit 2006 fanatischer Anhänger der deutschen Nationalmannschaft. Ausgerechnet diese Leidenschaft, die tiefste aller Leidenschaften wird uns oftmals nicht als solche abgenommen und das erschüttert mich.

Ohnehin, 2006, und jetzt gerate ich wieder ins Schwärmen, 2006! 2006 hat den Fußball in die Mitte der Gesellschaft getragen. Endlich kann jede_r, auch ohne irgendeine Art von Vorwissen oder Verbindung zum Fußball, ekstatisch und als Depp verkleidet Länderspiele bejubeln und das Halbwissen der Sportschauredakteure verbreiten. 2006 war mir ein innerer Reichsparteitag und ich denke, damit war ich nicht der Einzige.

Apropos, Reichsparteitag. In Berlin findet bald eine Wahl statt und damit komme ich auch zu denjenigen, um die es eigentlich gehen soll an diesem Abend: Die Kollegen von der FDP, politische Gegner aber Brüder im Geiste. Im Handstreich haben sie die Fußball-Analogie auf ein ganz neues Niveau gehoben. Aber gehen wir der Reihe nach vor. Was zeichnet eine gelungene Analogie aus?

1.) Das verwandte Fußballbild muss grotesk falsch sein. Was ich mit dem Ball in des Gegners Hälfte andeutete führt die FDP zur Perfektion: „Einheitsliga“ ist ein Begriff der vollkommen sinnlos im Raume steht und keinerlei Bezug zu den Verhältnissen in realiter besitzt. Weder gibt es eine Forderung nach einer „Einheitsliga“ noch kann man sich darunter irgendetwas vorstellen. Was soll das überhaupt sein, eine „Einheitsliga“? Ich stottere jetzt, weil ich mir unter diesem Begriff tatsächlich überhaupt nichts vorstellen kann, wie man es dreht und wendet, es kommt nichts Brauchbares dabei heraus. Deswegen, rasch, zum nächsten Punkt:

2.) Die Sprache. Sie muss zum jugendlich-flippigen Image des Fußballs passen und auch hier treffen die WirtschaftsLiberalen den Nagel auf den Kopf. „Doof“, so reden Sie einfach die jungen Wähler, die Fans und überhaupt alle. Und auf einem Wahlplakat sorgt das Wort letztendlich auch für die nötige Ernsthaftigkeit. Um im Bild zu bleiben: 3 Punkte für die FDP auch in diesem Punkt.

3.) Der Vergleich darf sich keinerlei Sinnlosigkeit zu schade sein. Und da muss ich sagen, huiuiui, in der Hinsicht haben die Jungs und Mädels aber alles rausgeholt. Bildung und Fußball ergänzt sich ja wirklich allerfeinst! Bildung ist ja, wie der Fußball, ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Die Sieger sind Champions, die Verlierer sind Versager und uninteressant, wer’s nicht schafft hat Pech gehabt.

Liebe Berlin-FDP, ihr habt die Latte wirklich hoch gelegt, aber glaubt mir, im nächsten Jahr werden auch wir und die anderen wieder alles tun, diese zu überspringen. Wir werden uns weiter anbiedern, die Schals tragen, wie sie sonst keiner trägt, die Vereine wechseln wie andere die Unterwäsche, in Kabinen eindringen und den Sport auf alle erdenklichen Arten und Weisen missbrauchen. Wir freuen uns drauf!“

Über den Autor: schneider3

Mildernde Umstände aufgrund familiärer Vorschädigung durch zwei dominante Brüder. Normalerweise erlebt das Weißbier bei ihm das Mittagsläuten nicht. Kaiserslautern-Fan. Weiß der Teufel, warum.