Verloren gegangene Sympathien

Ich gebe zu, ich habe mich hin und wieder schon gefragt, warum eigentlich so viele Fußballfans den 1. FC Kaiserslautern hassen. Warum jetzt plötzlich Mainz 05 das Image des “sympathischen Underdogs” aus der Pfalz inne hat. Inzwischen wird mir jedoch klar, wie der FCK die (Wenigen? Vielen? ich weiß es nicht.) Sympathien verspielen konnte, die er bundesweit einst hatte. Eigentlich genügt dazu der Blick Richtung Schalke und auf dessen Gebaren in den letzten Monaten.

Ein kleiner Rückblick: Kaiserslautern schaffte 1998 die absolute Sensation und wurde als Aufsteiger Deutscher Fußballmeister. Passend zu Fans und Umfeld des Vereins wurde hier Fußball eher gearbeitet (H. Koch) als zelebriert (Ratinho). In den Jahren danach jedoch ereilte ein beispielloser Verfall diesen Verein, der vor zwei Jahren fast im Abstieg in die 3. Liga gipfelte. Dieser Verfall fand jedoch nicht nur sportlich, sondern auch moralisch statt. Im Größenwahn wurde Weltmeister Youri Djorkaeff verpflichtet, das Stadion zur WM-Arena ausgebaut und es wurde fleißig Schwarzgeld an dubiose Spielervermittler gezahlt. Zudem gab es Streitereien im Präsidium, peinliche Auftritte bei “Doppelpass” usw. usf. Die Liste ließe sich unendlich lange fortschreiben. Kurz gesagt: Der Provinzverein aus der Hinterpfalz wollte bei den großen Mitspielen und lebte deutlich über seine Verhältnisse.

Ein weiterer Rückblick: Die Saison 2000/2001 erlebte wohl eines der tragischsten Finals der Fußballgeschichte. Aufgrund der Fehlinformation eines Premierereporters wähnten sich die “Königsblauen” aus Gelsenkirchen vier Minuten lang als Deutscher Meister und mussten dann entsetzt das entscheidende Tor des FC Bayern München ansehen. Bis auf wenige Ausnahmen empfand wohl jeder Mitleid und Sympathie für diesen Verein.

Rückkehr ins Jahr 2009/2010: Der FC Schalke 04 verpflichtet “Meistermacher” Felix Magath als Manager und Trainer. Dieser kam vom VfL Wolfsburg, den VW nach vielen Jahren des Engagements dann doch irgendwann erfolgreich zur Meisterschaft gekauft hatte und war hoch motiviert, dieses “Kunststück” in Gelsenkirchen zu wiederholen. Schnell jedoch musste er erkennen, dass es um die Finanzen des Vereins schlechter steht als gedacht: “Wir müssen unser Gehaltsvolumen deutlich reduzieren. Man muss auch in Kauf nehmen, dass man einen Spieler verliert, den man gerne halten möchte.” Schalke drückt eine Schuldenlast von ca. 250 Mio. €, verteilt auf die verschiedensten Tochterfirmen. Durch den Deal mit der Gesellschaft für Energie und Wirtschaft, einer Tochter der finanziell völlig maroden Stadt Gelsenkirchen, konnten zumindest akute Probleme gelindert und die Erteilung der Lizenz durch die DFL gesichert werden. Trotz dieser denkbar schlechten Voraussetzungen schaffte es Magath mit einer sehr jungen Mannschaft, Platz zwei in der Meisterschaft und somit die direkte Qualifikation für die Champions League zu erreichen. Im Anschluss daran konnten mit Westermann, Rafinha, Bordon und Kurányi vier absolute Topverdiener an andere Vereine abgegeben werden, das Ziel der Gehaltseinsparungen schien also erreicht.

Damit war es “auf” Schalke jedoch nicht getan. Magath, und somit der Verein, vollzog eine Wende um 180°. Zunächst wurde Raul, der ehemalige Topstürmer von Real Madrid verpflichtet. Ein deutliches Zeichen, dass auch Schalke hoch hinaus wollte. Die schönste Szene war dabei, als Raul ein Stück Kohle geschenkt bekam. Für mich schien dies wie blanker Hohn, hat der FC Schalke 04 (und v. a. die Verpflichtung von Raul), nichts aber auch gar nichts mehr mit dem Bergarbeiterklub, der er einst war, zu tun. Zu Raul gesellte sich außerdem noch Überzeugungsborusse Christoph Metzelder, der sich nicht einmal zu schade war, seine Homepage, über die er einst Anti-Schalke-T-Shirts verkauft hatte, “dortmund-frei” zu gestalten.

Doch damit nicht genug, kurz vor Ende der Transferphase war schließlich Freidrehen angesagt: neben einigen kleineren Transfer im einstelligen Millionenbereich wurden José Manuel Jurado und Klaas-Jan Huntelaar für schlanke 25 Mio. € verpflichtet. Insgesamt hatte Schalke für diese Saison 34,6 Mio. € ausgegeben. Abzüglich der Transfererlöse, ein Minus von 17,5 Mio. €. Magath, der gebetsmühlenartig die sportliche Notwendigkeit dieser Transfers wiederholte, konnte sich seiner Worte aus der Vorsaison wohl nicht mehr erinnern. Inwiefern das Gehaltsvolumen durch die erwähnten Transfers “deutlich” reduziert wurde, ist mehr als fraglich. An eine Abzahlung des Schuldenbergs war urplötzlich nicht mehr zu denken, ebenso wenig wie an eine Auszahlung der ehemaligen Schalker Stadtwerke. Interessanterweise hatte der Haushalt der Stadt Gelsenkirchen 2010 einen Fehlbetrag von 18,9 Mio. €, bei einer Arbeitslosenquote von über 15%. Mit Sicherheit stehen die Anteile am Verein in der Bilanz der Stadt, ob diese jedoch noch 20 Mio. € wert sind, sollte Schalke die Champions League verpassen, ist anzuzweifeln.

Früher hatte ich einmal grundsätzliche Sympathien oder zumindest Respekt für diesen großen Traditionsverein und seine gigantische Fanbasis. Inzwischen haben sich diese jedoch beinahe in Verachtung verwandelt. “Mein” Verein hat aus den Sünden der Vergangenheit gelernt und wird darunter noch auf Jahre hinweg leiden, während Schalke ungehindert damit weitermachen kann. Die stillose Abservierung des verdienten Fanbeauftragten Rolf Rojek passte dabei ebenfalls ins Bild eines Vereins, der von einem erfolgsbessenen Technokraten in eine ungewisse Zukunft geführt wird.