Sündenbock Boateng

Wenn Spiegel Online eine Eilmeldung bringt, muss schon etwas wirklich wichtiges passiert sein. Zum Beispiel der Kapitän der Fußballnationalmannschaft muss sich so schwer verletzt haben, dass er für die anstehende WM ausfällt. Ist ja sonst nichts los auf unserem beschaulichen Planeten. Einen müsste diese Meldung, dass Ballack für die WM ausfällt, aber ziemlich ins Grübeln bringen: Bundeschalträger Löw. Aber statt dem Bundestrainer meldet sich zunächst einmal die Presse zu Wort.

Ausgerechnet Helmut “FC Bayern” Markworts Focus setzt als erster auf den Vorsatz-Vorwurf gegen Kevin-Prince Boateng:

Boateng wollte Ballack ausschalten

überschreibt Oliver Völkl seinen Kommentar zum Foul von Boateng an Ballack. Und legt nach:

Rache. Nur wofür?

Bereits vor dem „rüden Foul“ (Löw) waren die beiden Temperamentsbündel im FA-Cup aneinandergeraten, es kam im Rudel zu leichten Handgreiflichkeiten. Man könnte die Grätsche als Rache Boatengs dafür werten. Oder, und jetzt wird die Szene, die TV-Experte Mehmet Scholl als „vorsätzliche Körperverletzung“ verurteilte, pikant: vor dem WM-Hintergrund.

Vor dem WM-Hintergrund? Was Völkl Boateng hier unterstellt, ist eine Reflektionsfähigkeit, die man dem Berliner getrost absprechen kann. Sonst hätte er sich wohl kaum mit seinem Kumpel Patrick Ebert beim Abtreten von Autospiegeln erwischen lassen. Kein Fußballer geht mit dem Vorsatz auf den Platz, einen anderen Spieler gezielt auszuschalten, weil er in knapp vier Wochen wieder gegen ihn spielen wird. Wer das behauptet ist ein verbaler Zündler wie Herr Völkl, der sich perfider Weise in den Konjunktiv flüchtet und seine eigene Meinung versucht hinter Experten (Scholl, Löw) zu verstecken.

Natürlich: Das Foul von Boateng war brutal und ist mit gelb sicher nicht hart genug bestraft worden. Ein solches Verhalten deckt auch nicht die gern zitierte englische Härte ab. Boateng aber Vorsatz zu unterstellen, er hätte mit diesem Foul Ballack gezielt aus der WM nehmen wollen, ist blanker Unsinn.