Buschtrommeln und Befindlichkeitslyrik

Tröööt! Die WM in Südafrika wird gruselig. Das steht schon jetzt, knapp zwei Monaten vor dem historischen Ereignis fest. Daran sind ausnahmsweise weder die schleppenden Kartenverkäufe schuld, noch die Sicherheitslage im Ausrichterland. Daran ist allein die Musik schuld, die in den nächsten Wochen und speziell zwischen dem 11.Juni und dem 11.Juli auf uns einprasseln wird. Eine Bestandsaufnahme.

Auf die WM 2010 soll uns u.a. ein Konzert am 10. Juni im Orlando-Stadion in Soweto einstimmen. Die Fifa ist schon jetzt überzeugt davon, dass es sich dabei um ein historisches Konzert handelt, schließlich hat man die afrikanischen Superstars Shakira, Juanes, Alicia Keys, John Legend und die Black Eyed Peas zum musikalischen Reigen geladen. Man fragt sich, mit welchem Fifa-Funktionär Shakira eine intimere Beziehung pflegt, oder wieso darf die Frau mit dem Becken bei jedem Fifa-Turnier an den Start gehen?

Für südafrikanischen Lokalkolorit dürfen immerhin die BLK JKS, The Parlotones und Vusi Mahlasela sorgen.  Die Fifa jubelt jedenfalls jetz schon völlig losgelöst vor sich hin: „Wir freuen uns, die erste FIFA Fussball-Weltmeisterschaft in Afrika mit einem solch gigantischen und hochkarätigen Konzert zu lancieren. Es ist Beleg für die globale, verbindende Kraft des Fussballs und der Musik und gibt den richtigen Takt vor: Das Fest kann beginnen“ und übersieht dabei geflissentlich, dass sich in Südafrika durchaus Protest gegen die Besetzung des Konzerts regt, treten doch lediglich drei Acts aus dem Ausrichterland auf.

In Südafrika hätte man es zumindest als anständig empfunden, wenn der Ausrichter „Control Room“, der u.a. schon die Live Earth-Konzerte betreut hat, wenigstens zu 50 Prozent auf südafrikanische Musiker gesetzt hätte. Offenbar ist man auf Seiten der Ausrichter der Meinung, vier Woche Vuvuzela-Getöse genügen, um die südafrikanische Musikszene dem Rest der Welt zu präsentieren, dessen popaffiner Teil derzeit durchaus gerne mal den Speck zu Kwaito-Beats schüttelt, wie sie Arthur Mafokate produziert.

Ein großer amerikanischer Limonade-Hersteller macht es nicht besser als die Fifa. Der aus Somalia stammende Afro-Kanadier K’naan, dessen sonstiger Output durchaus behutsam mit dem musikalischen Erbe Afrikas umgeht – sein Fela Kuti Tribute-Mixtape ist eines der besten Alben, die man sich legal und kostenlos im Netz besorgen kann – lässt sich im Video zu „Waving Flag“ ganz auf das Afrikabild reduzieren, dass man in Atlanta im Kopf hat: Trommeln, Lachen und ein bisschen vom Weltfrieden singen.

Und in Deutschland? Daran, dass die Nationalmannschaft nicht mehr singt, sondern ausgiebig Pflegeprodukte benutzen muss, haben wir uns ja schon gewöhnt. Wieso man aber seit dem unerklärlichen Erfolg von Xavier Naidoos weinerlicher Durchhaltehymne „Dieser Weg“ der Meinung ist, diesen Erfolg mit einem noch weinerlicheren Stück wiederholen zu müssen, bleibt schleierhaft (Da sind ja sogar die Spüortfreunde Stiller besser…).

Jedenfalls darf sich Sebastian Hämer dieses Jahr für den Hauptsponsor der Nationalmannschaft am passenden Song fürs Vorrundenaus probieren. „Wir glauben an Euch!“ heißt der Song, der Naidoos Song in allen Belangen locker unterbietet. Mit Fußball verbindet man diese Form von Befindlichkeitslyric jedenfalls nicht:

Selbst im Mutterland des Pop, immerhin Urheber des besten Fußballsongs aller Zeiten, fällt der Poplandschaft nichts besseres ein als ein Remake des besten Fußballsongs aller Zeiten, mit Robbie Williams am Mikrophon. Gehts ideenloser? Die Welt hat besseres verdient, bessere Musik allemal, am besten vorgetragen von einem schönen Männerchor:

Über den Autor: esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben auf Google+

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2 comments
  1. Es geht noch schlimmer:

  2. Ein Konzert in Südafrika ohne Howard Carpendale ist kein Konzert.

    Der Männerchor hingegen ist cool, den gibts auch mit anderen Nationen (Italien etc).

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