Rolf und seine Frau

Quelle: www.focus.de

Bislang ist es im altehrwürdigen Ruhrstadion zu Bochum in der Regel so gewesen, dass ich nach Einnahme meines Sitzplatzes meinen Blick habe umherschweifen lassen und früher oder später, stets in einiger Entfernung, auf ihn traf : Den alten Trainerfuchs, den Coach, unter dem die Bochumer „unabsteigbar“ waren (ein Slogan, der heutzutage mehr schlecht als recht auf „unbeugsam“ geändert wurde) und dessen größte Auszeichnung nach eigener Aussage die Vergabe von sechs Bällen durch Max Merkel in dessen Bild-Kolumne war, in der eigentlich maximal fünf Bälle zu vergeben waren. Diese Auszeichnung hatte sich Rolf mit dem verdient, was ihn auszeichnete und was er am besten konnte: Die wiederholte Rettung des VfL Bochum vor dem sicheren Abstieg!

Beim Spiel Bochum gegen Hoffenheim staunte ich daher nicht schlecht, als ich plötzlich direkt neben Rolf Schafstall zu sitzen kam. Das heißt, ganz so direkt war es nicht, vielmehr saß seine Frau zwischen uns. Beide grüßten mich freundlich und wünschten ein schönes Spiel. Alt ist er geworden, ist das erste, was mir durch den Kopf schießt. Aber immerhin hat Rolf letztes Jahr bereits seinen 70. Geburtstag gefeiert, da darf man auch etwas älter wirken.

Dies gilt allerdings nicht für seinen analytischen Verstand. Ein ums andere mal sprach er das aus, was mir in gerade diesem Moment durch den Kopf ging. Ob das die Athletik eines Demba Ba war, die Antrittskraft von Obasi, die Solos von Ibisevic oder überhaupt das geschmeidige Offensivspiel der Hoffenheimer mit ihrem ansehnlichen Kombinationsfußball bis in den Strafraum hinein und die große Ballsicherheit der Rangnick-Truppe. Ob rasche Balleroberung oder Spieleröffnung der Innen- oder Außenverteidiger – er erfasste jedes Detail und ließ mich daran teilhaben, wobei er mich teilweise direkt ansprach.

Man sah, wie er mit den Bochumern mitfieberte, gleichzeitig aber auch dem hochklassigen Spiel der Hoffenheimer Tribut zollte. Seine Gattin haderte derweil mit dem Schiedsrichter, der auch (mal wieder) vom Bochumer Publikum als Sündenbock auserkoren wurde. Aber auch hier sagte Rolf mehrere Male unter dem gellenden Pfeifkonzert der umstehenden Menschenmassen, dass die Entscheidung des Schiris schon absolut in Ordnung ginge.

So habe er auch immer spielen wollen, nur habe er nicht die richtigen Spieler gehabt, war einer seiner gelegentlichen Ausflüge in die Vergangenheit – aber von Verbitterung keine Spur. Er scheint es so zu meinen, wie er es sagt. Und er scheint sich gut damit zu fühlen. Mir blieb nur das Schweigen, bin ich doch zu diesen Zeiten fast noch mit der Rassel um den Weihnachtsbaum gerannt.

Alles in allem war es wirklich ein wunderbares Erlebnis, dieses Spiel als stiller Teilnehmer neben dem zwar apathisch wirkenden, aber innerlich hochwachem Urgestein verbringen zu dürfen. Ein völliger Gegensatz zum totalen Unsympathen Holger Fach, neben dem ich auch schon einmal Platz nehmen musste. Das abschließende Fazit blieb dann allerdings Frau Schafstall vorbehalten, als sie direkt nach dem Schlusspfiff seufzend in die Runde warf: „Das waren heute Ackergäule gegen Rennpferde!“. Dem ist nichts hinzuzufügen!

Bilderquelle: www.focus.de