Mantra der Hassliebe

Oliver Kahn (Foto: Andreas K. Bittenich)Der Titan feiert Abschied und ich soll endlich “geil abliefern”, sagt der Guru während des Zweitliga-Knallers Freiburg – Rostock zu mir und ich weiß: er hat Recht. Zu oft habe ich mich aus dem Fenster gelehnt, die neu gewonnene Liebe zum altersweisen Titan beschworen. Und jetzt: saft- und kraftlos hänge ich im Sofa, Pulle Bier auf dem Tisch, irgendwoher muss die Inspiration ja kommen. “Immer weiter, immer weiter”

Ausgerechnet Olli Kahn bekommt als erster deutscher Nationalspieler wieder ein Abschiedsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft. Zehn Jahre nach Guido Buchwald. Ironie oder Zufall? Jedenfalls hat der Titan das nicht verdient. Von Guido Buchwald hätte ich mir niemals bei einer bekannten Hackfleischbräterei ein Schlüsselband gekauft. GEKAUFT! Ja, richtig gelesen, normalerweise wird man mit diesen unnützen Teilen zugeschissen, das vom Titan habe ich mir gekauft. 2002, wollte ein Zeichen setzen und konnte doch nicht aus meiner Haut, zu festbetoniert die Gleichung: Kahn= Böse. Trotzdem habe ich das Schlüsselband getragen, während der WM und danach, “immer weiter, immer weiter”.

Ich gebs zu, ich habe sogar ein bisschen gefeixt als der übermenschliche, unfehlbare Titan 2002 diese fürchterliche WM zu einem verdienten Ende brachte und den Ball vor Ronaldos Füsse fallen ließ. Als er sich danach in Eskapaden im Münchner Nachtleben verstrickte dachte ich wirklich: “Den sind wir bald los!”. Aber natürlich wird man “einen Oliver Kahn” nicht so schnell los, denn: “ein Oliver Kahn entscheidet selbst über sein Schicksal!” Ach, das war ein anderer? Egal, “immer weiter, immer weiter!”.

Jedenfalls tritt er jetzt endgültig ab und man fragt sich, was von dieser Karriere bleibt: die Fusstritte, die Halsattacken, die Würgegriffe? Oder doch Paraden, die eigentlich gar nicht möglich erscheinen und Kahn über Jahre unumstritten zum besten Torhüter der Welt machten? Dabei tritt mit Kahn eine ganze Torwartgeneration, ja ein ganzer Torwarttypus ab. Da hat er mit Jens “Jenser” Lehmann mehr gemein als ihm lieb ist. Der Torwart als Einzelkämpfer, fußballerisch limitiert, der reine Wille auf zwei Beinen, einzelgängerisch und eigenbrödlerisch. Was jung ist und nachrückt zieht Olli Kahn wahrscheinlich mit einem Bein den Ball durch die Nase, aber das Zeug zur Hassliebe haben Neuer und Adler nie im Leben. “Immer weiter, immer weiter!”

Hassliebe ist es, womit man die Beziehung zu Olli Kahn am besten beschreiben kann. Man kann nicht mit Olli Kahn, seinen aufgeblasenen Backen, seinem “Immer weiter”-Mantra, seinem ständigen Über-alle-hinweg-Schauen. Aber man kann auch nicht ohne ihn, der länger amtierte als Helmut Kohl. Und nachdem der “Dicke” weg war, musste man als Mitte der 70er Geborener sein Politikbild neu justieren. “Wie da dürfen auch andere ran? Geil, Digger!”. “Immer weiter, immer weiter!”

Nur ein Nachfolger wie Gerhard Schröder steht nicht bereit. Der “Basta”-Torwart wird nicht kommen, stattdessen rangeln für deutsche Verhältnisse mediokre Torhüter wie Tim Wiese darum, wer zukünftig die 1b im Nationalteam sein darf. Im Basketball jedenfalls würde nach dem Abtritt eines Spielers dieser Klasse das Trikot mit der Eins nicht mehr vergeben. Das sollte der DFB auch tun, wenn er “Eier” hätte. Stattdessen rotiert die Eins “immer weiter, immer weiter!”.

In diesem Sinne: Danke, Olli! Du wirst mir fehlen! “Immer wieder, immer wieder!”

(P.S. Ich deute es jetzt einfach mal als gutes Zeichen, dass der kommende Nationalspieler seit heute laufen kann…)

Foto: Andreas K. Bittenich – www.oliver-kahn.de

Über den Autor: Esleben

Verrät als Freiburg-Fan Heimat wie auch Elternhaus und trinkt ansonsten ausschließlich Veuve Clicquot. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Mehr über Esleben unter Google+