Unbekannter Schöngeist

Was guckt man nicht bei Krankheit für einen Mist im TV! Als ich mich Sonntag grippal infiziert auf dem Sofa dem Nachmittagsprogramm widmete, präsentierte RTL eine seiner 5 Millionen “Die erfolgreichste XY”-Chart-Shows. Diesmal ging es um die erfolgreichsten Bands der 80er. Leidlich angereichert werden die eingespielten Nostalgiehits mit den manchmal mehr, sehr oft weniger qualifizierten Kommentaren von Menschen der Kategorie B- bis F-Promi. Ein besonders unangenehmer ZDF-Weichspültalker – er hört auf den Namen Johannes und findet es besonders keck, seinen Zweitnamen Baptist mit B. abzukürzen – durfte zur auf Platz 27 (besser nicht?) platzierten Band Queen seinen uninteressanten Senf geben. Ich wollte gerade entsetzt umschalten. Doch zum ersten Mal war ich hocherfreut über das, was Johannes B. Kerner sagte.

Freddie Mercury windet sich im Hintergrund und singt ins Mikro, Brian May holt den Queen-typischen Sound aus der selbstgebauten Gitarre. Und im Vordergrund sitzt – debil grinsend und in der Annahme, dass er kulturhistorisch mindestens auf dem gleichen Level steht, wie die englische Rockband – Johannes B. Kerner. Der erfahrene Fernsehzuschauer erwartet nun eine mit gequältem Wortwitz und vermeintlichen Insiderwissen angereicherte Lobhudelei. Doch Kerner sagte diesmal etwas ganz anderes. Auf einem Queen-Konzert sei er gewesen. In den 80ern. So weit, so uninteressant. Aber dann der Knaller: “Bei der Zugabe habe ich voll einen in die Fresse bekommen. Von irgendjemanden, ohne Grund.”

Zunächst baff sehe ich, wie Kerner immer noch grinst, als sei er stolz drauf, erzählen zu können, dass er Prügel-Erfahrungen gemacht hat. Dann kannte der Jubel bei mir keine Grenzen mehr. Irgendwo auf der Welt sitzt ein Mensch, der das getan hat, wovon Millionen träumen: Dem Kerner einfach mal eine reinhauen. Ist es doch bei einem solch selbstverliebten Egomanen wie JBK die einzige Möglichkeit, ihn glaubhaft wissen zu lassen, was man von ihm hält.

Doch wer war der Wohltäter? War es ein Mitglied dieses Blogs, der sein Versprechen “Wenn ich Kerner irgendwann mal treffen sollte, haue ich ihm einfach kommentarlos eine rein” schon als kleiner hessischer Bub in die Tat umsetzte? Auf jeden Fall muss es ein Mensch mit kolossalem Weitblick und Gespür für Naturkatastrophen sein. Er muss damals schon bei den Klängen von Radio GaGa und Bohemian Rhapsody gespürt haben: Neben mir steht ein ganz schlimmer Mensch. Und auch heute kann der Unbekannte nicht ohne Stolz behaupten: Ich habe es wenigstens versucht.

Vor Kerner bewahren konnte er die Menschheit allerdings leider nicht. Trotzdem schlage ich vor, diesen Menschen aufzuspüren und ihn für das Bundesverdienstkreuz und den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Denn solch ein selbstloser Einsatz im Sinne der Menschlichkeit muss belohnt werden. Tja, Johannes Baptist: Fresse hauen geht gar nicht, denkst Du. Oh, doch.