Fußball Manager 2008 – Die kreative Verweigerung des deutschen Fußballs erreicht die Spielebranche

Schon seit Jahren bin ich treuer Kunde von EA Sports, wenn es um den Fußballmanager geht. Ein Spielgenre, das mich seit Entstehung schon immer fasziniert und begeistert hat. Schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Abramowitsch – nur eben ohne ein unter widrigen und undurchsichtigen Umständen entstandenes Fantastillioneneinkommen.

War vor einigen Jahren noch der Titel “Anstoss” das Maß aller Dinge, wenn es um Fußballmanager auf dem PC ging, hat sich das im Laufe der Zeit doch massiv geändert. Neben verschiedenen Billigtiteln, die leider oftmals auch so gut sind, wie sie kosten – Stichwort: “Softwarepyramide” – hat sich das Spiel von EA Sports quasi zum marktbeherrschenden Produkt entwickelt. Und das vollkommen zu Recht.

Die Detailtiefe, der 3D-Modus, die Realitätstreue – all das hat das Spiel zu einem jeweils jährlichen Begleiter meines Lebens werden lassen. Gleichzeitig stieg die Langzeitmotivation von Jahr zu Jahr; mit der letzten Version, dem FM2007 habe ich nahezu ein Jahr gespielt.

Vor knapp 10 Tagen war es so weit: Voller Vorfreude habe ich mir nun seinen Nachfolger im Computerspielladen um die Ecke besorgt und was soll ich sagen: Erstmals ist es nicht nur Begeisterung, die ich spüre. Im Gegensatz zu den hörigen Spielzeitschriften, die schon am Tag des Releases absurd gute Bewertungen vornehmen, bin ich der Meinung, dass man bei einem Manager ein paar Saisons am Stück gezockt haben muss, um wirklich beurteilen zu können, wie gut das Ding ist. Daher (und aus Gründen der Bequemlichkeit und meines Hanges zu Glamour und Luxus) kommt meine Bewertung erst heute.

In den letzten Jahren war stets die Politik der kleinen Schritte maßgebend für die Macher des Spiels. Das (sehr gute) Grundgerüst des Managers blieb unangetastet, stattdessen gab es jedes mal nette Verbesserungen in den elementaren Bereichen wie Trainingsgestaltung, 3D-Darstellung, Marketingmöglichkeiten und Kommunikation mit den Spielern. Das alles auf sauberem Niveau.

Und da setzt auch schon der erste Kritikpunkt an: Erstmals habe ich das Gefühl, ein unfertiges Spiel dieser Serie erworben zu haben. Das unangenehm üblich gewordene Verhalten, erstmal was auf den Markt zu schmeißen, um ja den Termin einzuhalten und dann mit mehreren Patches die schlimmsten Fehler zu beseitigen, scheint auch bei EA angekommen zu sein.

Die “lustigsten” technischen Fehler: Nach Beendigung des Spiels und Rückkehr zum Betriebssystem fährt der Rechner einfach mal souverän neu hoch. Schon mehrfach waren Spielstände, die ich vor extrem wichtigen Partien (z.B. gegen Offenbach im Pokal !!) gesichert hatte nicht mehr zu gebrauchen und nach Neuladen voller Abstürze. Gerne beendet sich das Spiel auch einfach mal zwischendrin. Besonders schlimm ist dabei, dass selbst Fehler der letzten Version “übernommen” wurden, wie beispielsweise das nervige Flutlichtflackern bei Auswärtsspielen in Hamburg.

Aber gut, bei diesen Punkten kann man davon ausgehen, dass sie tatsächlich durch einen Patch behoben werden können.
Anders ist das schon beim Trainingssystem. Dieses wurde ohne jede Not komplett renoviert, obwohl es, wie ich fand, zuvor eigentlich richtig rund war. Leider kapiere ich, und wenn ich mir die entsprechenden Foren ansehe, nicht nur ich, überhaupt nicht, wie es funktioniert. Ich trainiere, schraube an der prozentualen Trainingsverteilung, aber die Jungs lernen nichts. Wie immer schaffe ich es, ohne mich groß anzustrengen, eine hervorragende Fitness meiner Truppe zu sichern, doch egal, wie viel Akribie ich in das Training lege, taktische Fortschritte sind so gut wie nicht sichtbar.

Das nächste Ärgernis ist gleichzeitig ein Lob. Die Spielerentwicklung geht deutlich langsamer voran als in den letzten Jahren. Das ist sehr gut, schließlich hatte ich auch keine Lust mehr, innerhalb von 3 Jahren die Eintracht zum CL-Sieger zu machen, weil Patrick Ochs durch mein Training in 1 ½ Jahren zum 90er Spieler und damit zum Vertreter der Weltklasse wurde.

Ich bin inzwischen in der fünften Saison mit der Eintracht, habe mich sogar einmal mit Platz 3 sehr glücklich für die CL qualifiziert, wurde dort aber von Juve realistischerweise mit zweimal 0-1 aus dem Wettbewerb geschossen.
Ansonsten kämpfe ich aber immer noch darum, mich regelmäßig für den UEFA-Cup zu qualifizieren, die Meisterschaft ist noch immer so weit weg wie Werner Lorant vom Fußball.

Doch die Kehrseite der Medaille ist, dass sich auch die Stärken der anderen Teams zu manifestieren scheinen. Es mag zwar richtig sein, dass Bayern die mit Abstand beste Mannschaft der BuLi ist, dass sie aber fünf Jahre in Folge mit jeweils deutlich mehr als zehn Punkten Vorsprung Meister werden, nervt langsam.

Pluspunkte des Spiels sind die gestiegene KI anderer Clubs, wenn es um Transfers geht. So bereut man schnell, einem Jungtalent eine fixe Ablöse in den Vertrag zu schreiben, denn es dauert nicht lange und irgendein Verein klopft an und holt Dir den Jungen einfach weg.

Davon ab ist aber nicht so wahnsinnig viel Neues passiert. Es gibt einen unfassbar detaillierten Stadioneditor, bei dem nur noch fehlt, dass ich mir die Küche der Vereinsgaststätte einrichten kann. Aber im Ernst: Wer braucht das? Ich will kein Architekturspiel, ich will Fußball.

Und da sind wir schon beim mir persönlich wichtigsten Teil des Spiels: Der 3D-Darstellung. Diesbezüglich tobt ein ewiger Kampf unter Zockern des Spiels: Viele spielen mit Textmodus oder Sofortberechnung, ich schaue mir jedes annähernd wichtige Spiel an. Dann dauert eine Saison zwar schon mal ne Echtzeit-Woche, aber na und?

Jedenfalls war ich grafisch anfangs enttäuscht: Der gesamte Look des Vorgängers, der schon dort leicht angestaubt und überholt wirkte, wurde beibehalten. Die Verbesserungen zeigen sich aber glücklicherweise mit der Zeit: Das Spiel ist sehr viel schneller geworden, es gibt deutlich mehr Torszenen. Auch die Stärken und Schwächen der Spieler kommen grafisch deutlich besser heraus. Somit wird das 3D-Erlebnis weniger statisch und wesentlich packender. Außerdem wurden hier auch Fehler des Vorgängers bereinigt, wie beispielsweise sinnlos mit dem Ball ins Aus laufende Spieler auf bestimmten Rastern des Feldes.

Das war es aber auch schon mit den großen Verbesserungen. Die Idee, die Stärken der Spieler zunächst zu verbergen und erscouten zu müssen, erweist sich als Thomas Doll’sche Luftpumpennummer: Dies gilt nämlich nur für exotische Spieler aus fernen Ländern, während alle BuLi-Kicker trotzdem mit allen Fähigkeiten bekannt sind. Gerade da hätte eine Chance gelegen, den ganzen Transferbereich nicht zu einfach zu machen. Ich habe irgendwo gelesen, dies sei in der englischen Ausgabe anders gelöst, wo angeblich sogar auf die Angabe der Gesamtspielstärke verzichtet wird. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber wenn ja, bin ich wohl eher der typisch englische Zocker.

Gerade, weil dort auch auf diesen nervigen Privatbereich verzichtet wird. Ich will keine Autos kaufen oder eine Familie gründen. Die Sims sind was für Mädchen.

Eine nette Idee ist hingegen eigentlich die verstärkte Kommunikation mit Team und Einzelspielern. So muss man vor der Saison an die gesamte Mannschaft gewisse Versprechen richten wie “Wir spielen nächstes Jahr international”. Gleiches kann man auch mit einzelnen Spielern tun (“Du bist Stammspieler”, “Du wirst langsam an das Team herangeführt”).
Nur leider scheint auch dieser Bereich völlig fehlerhaft zu sein. Denn egal, wie sehr man die Versprechen erfüllt, das Vertrauen der Mannschaft in den Trainer bleibt stets im Keller.

Alles in allem muss ich sagen, dass es natürlich immer noch ein mehr als ordentliches Spiel ist, man aber den Eindruck gewinnt, hier wird hauptsächlich alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Die wirklichen Änderungen und Verbesserungen fehlen mir, stattdessen ist sogar das Training sehr viel blöder geworden. Ich werde ihn weiter und intensiv zocken, aber diesmal bezweifele ich stark, dass ich ihn nach einem Jahr immer noch werde sehen können. Viel zu sehr hätte ich dann wohl das Gefühl, das gleiche Spiel schon zwei Jahre lang gezockt zu haben. Das war diesmal wohl eher die Politik der Tippelschritte.

Für die Zukunft wünsche ich mir etwas mehr Mut und kreativere Ideen in den wirklich elementaren Bereichen des Spiels. Dafür kann dann gerne auf überflüssigen Klumpatsch wie Stadioneditoren und Privatleben gänzlich verzichtet werden.

Über den Autor: Goldschuhe aus

Agent provocateur erster Güte. Ansonsten Misanthrop und Eintracht Frankfurt-Fan. Frisur: vorhanden.