Das öffentlich-rechtliche Grauen

Wenigstens für eine Institution steht es fest: Der Rundfunk ist essentiell für die öffentliche Meinungsbildung und Voraussetzung für die Beteiligung an demokratischen Prozessen und Wahlen. Weil die Privatsender hier nicht ausreichend pluralistisch “aufgestellt” sind (Manager, Trainer, Politiker…), braucht es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der den Bürger in mündigem Zustand hält. So jedenfalls sieht es das Bundesverfassungsgericht, hat es diese Sichtweise doch in seinem letzten Urteil erst wieder bestätigt und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mehr oder weniger einen Freibrief bei der Festsetzung der Rundfunkgebühren ausgestellt.

So weit so gut. In der Theorie macht das alles sicherlich Sinn, betrachtet man jedoch die Praxis, überkommt einen das kalte Grauen. Das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender, allen voran ARD und ZDF ist nur noch als unterirdisch, grottenschlecht oder auch beschämend zu bezeichnen.

Wer sich die Mühe macht anzuschauen, was innerhalb von zwei Wochen auf ARD und ZDF läuft, kommt zu folgendem Ergebnis: Die Primetime (also 20.15 Uhr) ist auf diesen Sendern praktisch nicht zu ertragen. Innerhalb von zwei Wochen werden elf Krimis versendet, egal ob als Serie oder in Spielfilmlänge, wer Kriminalbeamten, Anwälten oder dicken C&A-Models beim Ermitteln zuschaut, ist auf dem besten Wege, ein “lupenreiner Demokrat zu werden”. Wem das nicht reicht, der hat in diesem Zeitraum immerhin noch sechs Mal die Gelegenheit “die Herzen schlagen” zu hören, am besten dort, wo “die Pferde von Katarinenberg” über irgendwelche Schloßgüter beliebigen Landadels springen. Der zweite Schwerpunkt, den die “Meinungsbildner” setzen ist nämlich das, was der Volksmund gerne als “Schnulzen” bezeichnet, nur um sich abends dann doch hinzusetzen, um am warmen Feuer der Realitätsflucht langsam und selig einzudösen. Zwischendrin zeigt das ZDF dann noch kurz ein Sportereignis, wie so häufig mit großem Erfolg kaputt kommentiert von Leuten, die ihren Beruf verfehlt haben. Wem das nicht reicht, dem werden Eigenproduktionen vor den Latz geknallt, die entweder halbwegs was taugen (in denen aber Veronica Ferres die Hauptrolle spielt) oder die gar nichts taugen. Das intellektuell etwas anspruchsvollere Publikum wird mit zwei Dokus versorgt: Beide zu brisanten Themen, einmal heißt dieses Weltuntergang, das andere Mal darf Gero von Böhm tatsächlich seinen vor Verständnis für alles und jeden beinahe platzenden Körper durch die Paläste des Sultans von Brunei schieben. Wer nicht weiß, wie es anderswo auf der Welt aussieht, kann die Situation zu Hause wohl nicht richtig beurteilen oder so ähnlich. Am Rest der Abende wird dem bräsigen Rentnertum dann die Einladung zum Hirnabstellen hingehalten, die diese Abend für Abend gerne ergreifen: Dann nämlich ist es endlich so weit: Marianne und Michael bestellen Liebesgrüße und “Maxi Arland” steuert den “MusikantenDampfer” über die braune Scholle.

Die Frage, die sich einem hier aufdrängt ist, was das alles noch mit einem Bildungs- oder sonstigen Auftrag zu tun hat. In meinen Augen senden ARD und ZDF nur Möglichkeiten zur Realitätsflucht. Wer über dem Landadel dabei zuschaut, wie er über südenglische Wiesen reitet und Marianne und Michael zuhört, wie sich diese anschmachten, obwohl sie (oder weil, “nicht wahr meine liebe Marianne”) seit 2000 Jahren verheiratet sind und zwei gute deutsche Söhne haben, dem ist, für ein Weilchen zumindest, die böse Welt da draußen erstmal egal. Krieg, Hartz IV, Kriminalität, all das gibt es nicht im Idiotenland von ARD und ZDF.

All das wäre ja noch beinahe zu ertragen, würden dafür nicht Jahr für Jahr 7.000.000.000 € drauf gehen, die die Stasi mit GEZ-Methoden, ähm, die GEZ mit Stasi-Methoden von beinahe jedem Bundesbürger einzieht. Wofür dieses Geld gebraucht wird ist dem geneigten Beobachter unklar. Man fragt sich, wie es 3sat und arte schaffen, mit einem Bruchteil dieses Geldes ein derartig höherwertiges Programm auf die Beine zu stellen. Das einzige, was die beiden Hauptsender leisten, ist es, Sport zu zeigen, Sendeformate der Privaten zu kopieren und den Rest des Programmes mit Schrott vollzumüllen, der eigentlich niemanden interessieren sollte. Die regionalen Rundfunkanstalten ergänzen das ganze dann noch mit meist unerträglichem Lokalkolorit.

“Warum?” fragt man sich, sind arte und 3sat die beiden letzten Sender, bei denen man das Gefühl hat, dass sie ihrem Auftrag gerecht werden? Warum orientieren sich die öffentlich-rechtlichen Sender an Werbeeinnahmen und Einschaltquoten und haben scheinbar nur noch zum Ziel, den Altersdurchschnitt ihres Publikums in die Höhe schnellen zu lassen? Warum gibt es, abgesehen hin und wieder von “Tracks”, keine gute Musiksendung im deutschen Fernsehen? Warum werden Top-Filme wie “Lost in Translation” (eines von ca. 5000 Beispielen pro Woche) gegen 23.00 Uhr versendet? Warum werden politische Magazine verkürzt? Ein Blick in das Fernsehprogramm lässt einen zu zahlreichen weiteren Fragen kommen. Alle haben dabei eines zum Inhalt: Unverständnis über die beinahe skandalöse bis unverschämte Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Dem halbwegs vernunftbegabten Fernsehkonsumenten bleibt wohl nur noch eines übrig: Die Programmbelegung des eigenen Fernsehsenders aufzuräumen, zur Gewissheit kommen, dass die Intellektualität in diesem Land offensichtlich dem Untergang geweiht ist und noch ein paar letzte schöne Stunden auf arte und 3sat zu verbringen.
икони

Über den Autor: schneider3

Mildernde Umstände aufgrund familiärer Vorschädigung durch zwei dominante Brüder. Normalerweise erlebt das Weißbier bei ihm das Mittagsläuten nicht. Kaiserslautern-Fan. Weiß der Teufel, warum.