5 Freunde im Abseits

"Abseits is', wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt." (Hennes Weisweiler)

Ich möchte Dein Freund sein – Ein offener Brief an Jörg Dahlmann

Quelle: DSFLieber Jörg,

seit Jahren, Jahrzehnten bist Du Teil der deutschen Fußballmedien-Landschaft. Da Du inzwischen bei dem Gewinnspielsender DSF arbeitest, bist Du etwas aus der breiten Wahrnehmung der Fußballkonsumenten verschwunden. Aber nicht aus unserer. Es wird Zeit, die Person Jörg Dahlmann zu würdigen und etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn eines ist klar: normal bist Du nicht.

Den Stein ins Rollen brachte die Lektüre des wunderbaren Buches “’Die Eintracht’ – Von Titelträumen und Triumphen, von Abstiegsangst und Aufstiegslust”, in dem zahlreiche mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten Anekdoten zu meinem Verein beisteuern. Unter anderem auch Du. Und in der Begeisterung, mit der Du wahrscheinlich zum 765. Mal Deine Berichterstattung zum besten Tor des Universums Revue passieren lässt, liegt schon ein großer Teil der Wahrheit über Dich, lieber Jörg, verborgen.

Im Gegensatz zu Waldi, Johannes Baptiste, Reinhold, Gerd, Fritz und wie die ganzen Vollpfosten heißen, bist Du ein guter Mensch. Du bist irgendwie in diese korrumpierte Fußball-Journalisten-Gilde geraten, nicht weil Du berühmt sein wolltest, reich oder Dich verkaufen wolltest: Du liebst das Spiel ganz einfach, so wie wir es tun. Auch heute noch merkt man Dir diese Liebe zum Ball in jedem noch so grottigen 2.Liga-Kick an, der so weit von der angeblich so glamourösen Glitzerwelt “Profifußball” entfernt ist, wie Lothar Matthäus von einem Job in der Bundesliga (Obwohl, bei Wolfsburg weiß man ja nie…).

Beim Lesen Deines Beitrags des oben genannten Buches geht mir das Herz auf, wenn Du erzählst, wie Du Deinen Job riskiert hast, indem Du eigenmächtig die “Ran”-Sendezeit verlängert hast, um den Zuschauern ein ums andere Mal die Wiederholung des Tores zu zeigen. Deine Verzückung, Teil eines dieser “Momente für die Ewigkeit” gewesen zu sein, ist bis heute spürbar. Und das Schönste ist: Du bist nicht deshalb verzückt, weswegen Kerner und Beckmann verzückt gewesen wären, nämlich weil ihr Name, ihre Fresse, ihr Geschwätz unmittelbar mit diesem Tor verknüpft gewesen wären. Deine Begeisterung hat etwas Demütiges, Ehrliches: Du empfindest es als Ehre, in diesem Moment an diesem Ort gewesen zu sein. Und das macht Dich groß. Du bist ein Freund des Spiels, nicht des Ruhmes. Zynischerweise gereichte Dir genau das in Deiner Karriere nicht zum Vorteil, sonst wärst Du heute bei einem anderen Sender.

Aber vielleicht liegt das auch an einem anderen Umstand, der Dich mir noch sympathischer macht, auch, wenn kaum jemand das versteht. Deine kindlich-naive Art kommt eben (leider oder zum Glück) nicht nur in Deiner Spielkommentierung zum Tragen, nein, man spürt sie in jeder Sekunde Deiner Bildschirmpräsenz. Und ich kann verstehen, wieso manche Menschen genau dieses Verhalten unerträglich finden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, versuche ich, einige Beispiele zusammenzutragen, um Dir, Jörg, zu verdeutlichen, was ich meine:

Unvergessen ist beispielsweise der Abend, an dem Eric Meijer und Willi Landgraf bei Dir im DSF-Studio zu Gast waren, weil Aachen wohl aufgestiegen war. Eine Begebenheit, die alles, aber auch wirklich alles über Dich sagt, war die wieder mal unfassbar saudämliche Gewinnspielfrage, die Willi Landgraf mit den Worten kommentierte: “Wer hat sich denn diesen Scheiß wieder ausgedacht?”. Und Deine Antwort, Jörg, warst Du. Nichts kennzeichnet Dich besser, nichts charakterisiert Dich so wie Dein Kichern, verbunden mit den Worten “Das war ich…”.
Du schäkertest mit Deinen Gästen herum als sei es ein Kindergeburtstag. Wie so oft hat Dir nur die Clownsnase gefehlt. Genauso die Übertragung eines Montags-Livespiels, bei dem Du den ganzen Abend mit einem Paar Fußballschuhen von Punkt zu Punkt gelaufen bist, nur weil irgendein geistesgestörter Anrufer dieses gewinnen konnte. Vergessen wir nicht Deine permanenten Verniedlichungsformen: “Ein Schüsschen”, “Ein Schubserchen”, “Ein Schwälbchen”. Das liebevolle Tätscheln von Friedhelm Funkel, Dein Kommentar zu Reiner Maurer: “Sie sind ja auch schlank!” oder der zu Marcel Koller nach dem Aufstieg des VfL Bochum: “Trotz der Feiern sehen sie ja fantastisch aus!”.

Immer, wirklich immer bist Du mit Deinen Worten übers Ziel hinaus, immer knapp (oder auch weniger knapp) an dem vorbei, was angebracht wäre. Immer irgendwie fehl am Platze, immer etwas peinlich. Das ist Dein Schicksal, Jörg. Und das macht Dich mir so sympathisch. Jeder kennt doch jemanden aus seinem Umfeld, der so ist. Oft genug ist man es selber. Der, der immer in die Fettnäpfchen tritt. Der, der immer die schlechten Witze erzählt, nach deren “Pointe” sekundenlanges, peinlich-berührtes Schweigen herrscht. Andere mögen Dich dafür kritisieren, ich möchte Dich manchmal einfach in den Arm nehmen, Jörg.
Ich will ehrlich sein: In meinem Freundeskreis bin ich so gut wie der einzige, der Dich stets verteidigt, egal, welchen Quatsch Du wieder geredet hast. Irgendwas in Deiner Art ist so schwermütig. Es ist etwas Tieftrauriges, Einsames in Dir, was Du mit Deiner “lustigen” Art nur zu überspielen versuchst. Doch ich durchschaue das Spiel. Ich will Dein Freund sein, Jörg.

Denn Freunde haben nicht nur die Aufgabe, die guten Seiten zu sehen. Bei aller Sympathie muss ich Dir als Dein neuer Freund nun einige unbequeme Wahrheiten ins virtuelle Gesicht sagen. Denn leider hast Du nicht nur eine liebenswerte Seite, sondern noch eine zweite. Sie ist nicht böse oder fies. Nicht mal so richtig inkompetent. Sie ist eher unfassbar nervtötend.
Denn nur einerseits ist Deine Naivität erfrischend. Andererseits ist sie auch der Grund, werter Jörg, weswegen ich Deine ganze Berufssparte und Dich im Besonderen – mit Verlaub – verachte: Die Begeisterung mit der Du den größten Gehirngau, das dümmste Gewinnspiel, die peinlichste Anmoderation zelebrierst, ist einfach nur eklig. Deine Liebe zum Spiel hat sich zu einer grundsätzlichen Liebe zu allem, was drum herum geschieht entwickelt. Dämliche Fragen, dumme Fußballer, eklige Kollegen – auch das findest Du leider alles gut. Du hast Deine kritische Sichtweise verloren, falls Du sie denn jemals hattest.

Deshalb habe ich auch mehr erhofft als ich in dem bereits angesprochenen Eintracht-Frankfurt-Buch folgende Worte Deinerseits vernommen habe: “Ich muss mich outen:”. Ich habe danach einiges erwartet. Wahlweise, dass Du bekennst, Reiner Maurer nicht nur schlank zu finden. Oder, dass Du zugibst, dass Dich die kritiklose Anbiederei Deines Arbeitgebers gegenüber der “Fußball-Prominenz” genauso anwidert wie das peinlich-würdelose Abzocken seiner unterbelichteten Zuschauer durch noch weiter verblödende Drecksgewinnspiele, was nach dem Verständnis Deines Senders wohl alles als “Journalismus” betrachtet wird.

Aber nein, nichts dergleichen. Du schreibst nur: “Ich bin gar kein Eintracht-Fan”. Mensch Jörg, so gerne ich es hätte, wenn Du den gleichen Verein verehrtest wie ich. DAFÜR musst Du Dich nicht rechtfertigen. Da gibt es eine ganze Menge anderer Dinge.

23 Reaktionen zu “Ich möchte Dein Freund sein – Ein offener Brief an Jörg Dahlmann”

  1. Guru von der Kreuzeiche

    Dieser Brief hat mich zu Tränen gerührt.

  2. Esleben

    Ich bin tief bewegt!

  3. Goldschuhe aus

    Wenn ihr alle nur Tränen in den Augen habt, ist mir der kritische Teil des Ganzen wohl zu unscharf geraten…:-)

  4. Guru von der Kreuzeiche

    Nein, das trifft einen dann umso härter. Wie ein Hammerschlag.

  5. Esleben

    Der ist kritisch …

  6. Goldschuhe aus

    Wenn der Jörg es doch nur lesen und sich zu Herzen nehmen könnte. Er kann alles ändern, er steht auf der guten Seite…

  7. Guru von der Kreuzeiche

    Dass du dir wirklich einredest, dass JD auf der guten Seite steht, ist an der ganzen Sache besonder bewundernswert.

  8. Goldschuhe aus

    Definitiv tut er das. Daran habe ich keinen Zweifel. Du musst doch den Unterschied zwischen Dahlmann und Kerner erkennen!

  9. Guru von der Kreuzeiche

    Von Kerner will ich hier mal gar nichts hören. Ein Kerner-Vergleich ist wie ein Hitler-Vergleich. Siehe Goodwin’sches Gesetz.

  10. Goldschuhe aus

    Ja, aber darum geht es doch. Klar, man kann kritisieren, dass Dahlmann Mist redet. Aber er tut es aus anderen Gründen als Kerner/Beckmann/Waldi/Hitler. Dahlmann ist nicht böse. Vielleicht doof, aber keinesfalls schlecht.

  11. Guru von der Kreuzeiche

    Das hast du ja in deinem Brief zur Genüge darzustellen versucht.

  12. Goldschuhe aus

    Eben. Und mich habe ich überzeugt!

  13. Guru von der Kreuzeiche

    Ich konnte ob meiner Tränen noch keinen klaren Gedanken fassen…

  14. Goldschuhe aus

    Zu Recht!

  15. Esleben

    Ob Jörg Dahlmann wohl bei Myspace ist …

  16. Guru von der Kreuzeiche

    Myspace ist total überbewertet.

  17. Esleben

    Deshalb ist der Dahlmann auch nicht am Start.

  18. Don

    Respekt, Hammer Artikel!

    Vielleicht sollten wir das DSF mit SMS bombardieren, in denen nur unsere Domain steht und die dann in der Dauer-SMS-Rotation reinkommt.

    Der Jörg lässt sich die doch sicher ausdrucken und liest sie sich abends alle durch und kommt so vielleicht doch noch in den Genuss des Artikels…

  19. Der nachfolgende Eckball

    Ein wirklich rührender Artikel. Ich mag den Jörg.
    An dieser Stelle mein Dahlmann-Lieblingszitat: “Der Kohler würde sogar eine Kiste Bier aus dem Strafraum köpfen!”

  20. Esleben

    “Der Kohler würde sogar eine Kiste Bier aus dem Strafraum köpfen!”

    Hach, der Jörg! Wunderbar, das macht ihm so schnell keiner nach.

  21. Guru von der Kreuzeiche

    Geht’s noch absurder? Unfassbar. ;-)

  22. Goldschuhe aus

    Ich glaube sogar, Jürgen Kohler hätte das wirklich gekonnt… Wahrscheinlich hat er es dem Jörg mal vorgemacht…

  23. 5 Freunde im Abseits » Blog Archiv » Lobhudelei für Frank Buschmann

    [...] moderiert und – viel wichtiger – kommentiert hier einer der Besten am Mikrophon. Nein, nicht der schlanke Jörg! Die Rede ist von Frank [...]

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